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Hinter der Weltstadt. Ausgabe 10



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Inhalt

Julius Hart: Auf der Fahrt nach Berlin (1877)

Von Westen kam ich, schwerer Heideduft
umfloß mich noch, vor meinen Augen hoben
sich weiße Birken in die klare Luft,
Von lauten Schwärmen Krähenvolks umstoben,
Weit weit die Heide, Hügel gelben Sands
Und binsenüberwachsne Wasserkolke,
Fern zieht ein Schäfer durch des Sonnenbrands
Braunglühendes Land verträumt mit seinem Volke.

Von Westen kam ich und mein Geist umspann
Weichmütig rasch entschwundne Jugendtage,
War's eine Träne die vom Aug' mir rann,
Klang's von dem Mund wie sehnsuchtsbange Klage?...
Vom Westen kam ich und mein Geist entflog
Voran und weit in dunkle Zukunftsstunden...
Wohl hub er mächtig sich, sein Flug war hoch,
Und Schlachten sah er, Drang und blut'ge Wunden.

Vorbei die Spiele! Durch den Nebelschwall
Des grauenden Septembermorgens jagen
Des Zuges Räder, und vom dumpfen Schall
Stöhnt, dröhnt und saust's im engen Eisenwagen...
Zerzauste Wolken, winddurchwühlter Wald
Und braune Felse schießen wirr vorüber,
Dort graut die Havel, und das Wasser schwallt,
Die Brücke, hei! dumpf braust der Zug hinüber.

Die Fenster auf! Dort drüben liegt Berlin!
Dampf wallt empor und Qualm, in schwarzen Schleiern
Hängt tief und steif die Wolke drüber hin,
Die bleiche Luft drückt schwer und liegt wie bleiern
Ein Flammenherd darunter - ein Vulkan,
Von Millionen Feuerbränden lodernd,...
Ein Paradies, ein süßes Kanaan -
Ein Höllenreich und Schatten bleichvermodernd.
Hin donnernd rollt der Zug, es saust die Luft!
Ein anderer rast dumpfrasselnd rasch vorüber,
Fabriken rauchgeschwärzt, weit durch den Wasserduft,
Glänzt Flamm' um Flamme, düster, trüb und trüber,
Engbrüst'ge Häuser, Fenster schmal und klein,
Bald braust es dumpf durch dunkle Brückenbogen,
Bald blitzt es unter uns wie grauer Wasserschein,
Und unter Kähnen wandeln müd die Wogen.

Vorbei, vorüber! und ein geller Pfiff!
Weiß fliegt der Dampf,... ein Knirschen an den Schienen!
Die Bremse stöhnt laut unter starkem Griff...
Langsamer nun! Es glänzt in allen Mienen!
Glashallen über uns und lautes Menschenwirrn,...
Halt! und "Berlin!" Hinaus aus engem Wagen!
"Berlin!" "Berlin!" Nun hoch die junge Stirn,
Ins wilde Leben laß dich mächtig tragen!

Berlin! Berlin! die Menge drängt und wallt,
Wirst du versinken hier in dunklen Massen?
Und über dich hinschreitend stumm und kalt,
Wird niemand deine schwache Hand erfassen?
Du suchst... du suchst die Welt in dieser Flut,
Suchst glühnde Rosen, grüne Lorbeerkronen,...
Schau dort hinaus!... Die Luft durchquillt's wie Blut.
Es brennt die Schlacht, und niemand wird dich schonen.

Schau dort hinaus! - Es flammt die Luft und glüht,
Horch, Geigenton zu Tanz und üpp'gem Reigen!
Schau dort hinaus, der fahle Nebel sprüht,
Aus dem Gerippe nackt herniedersteigen -
Zusammen liegt hier Tod und Lebenslust,
Und Licht und Nebel in den langen


Die Brüder Julius (1859-1930) und Heinrich Hart (1855-1906) gehörten ab 1890 zu den Häuptern des Friedrichshagener Dichterkreises. Harts Gedicht ist eine der ersten Stimmen, die die ambivalente Gefühlslage der jungen Literaturadepten gegenüber der Metropole lyrisch zu fassen suchen. Sein Bruder Heinrich erinnerte sich: "Wir sehnten uns nach größeren und freieren Verhältnissen, die neue Reichshauptstadt wirkte schon lange wie ein Magnet auf uns. Und so entschlossen wir uns eines Tages, mein Bruder und ich, unsere weitere Studienzeit in Berlin zu verleben. Das Reisegeld und ein paar Taler darüber waren vorhanden, so setzten wir uns sorglos auf die Bahn, von großen Hoffnungen und Plänen erregt. Wie Berlin auf uns wirkte, wie es in jenen Tagen auf so manchen Künstler wirkte, der mit vollem Herzen und leerem Beutel die 'Stätte künftiger Triumphe' betrat, das hat mein Bruder in seinem Gedicht 'Nach Berlin' [...] zum Ausdruck gebracht [...]". H. Hart, Wir Westfalen, in: H. H., Ges. W., 3. Bd., Berlin 1907, S. 34.


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Nietzsche in Friedrichshagen (II): Heinrich Hart fiebert
Rezeption hinter der Weltstadt. (II)

von Rudolf Fritz (Friedrichshagen)


"Ich horchte auf Widerhall,
und ich hörte nur Lob -"
(F. Nietzsche, Jenseits von Gut und Böse 99)

Heinrich Hart liest
Friedrich Nietzsche "durchgefiebert"

Im Nachlaß der Brüder Heinrich (1855-1906) und Julius Hart (1859-1930) in der Stadt- und Landesbibliothek Dortmund befindet sich eine Dankkarte der Schwester Friedrich Nietzsches für die Anteilnahme am Tode ihres Bruders am 25. August 1900.

Die Begegnung der Brüder Hart mit Nietzsches Gedankenwelt beginnt lange bevor sie sich 1890 in Friedrichshagen ansiedeln; bereits 1877 wendet sich der damals 21jährige Heinrich Hart in einem Brief vom 4. Januar an den Philosophen. Unter dem unmittelbaren Eindruck, den dessen Schrift "Die Geburt der Tragödie oder: Griechenthum und Pessimismus" (1872) hervorruft, schreibt der junge Redakteur der Vierteljahresschrift "Deutsche Dichtung. Organ für Dichtung und Kritik" aus Münster mit großer Emphase an den Gelehrten im fernen Basel: "Entschuldigen Sie die Kühnheit, mit der ein Unbekannter Sie durch folgende Zeilen überrascht oder noch mehr als überrascht. In den beiden letzten Tagen (resp. Nächten) habe ich zweimal nacheinander Ihr Werkchen 'Die Wiedergeburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik', - soll ich sagen 'durchgelesen' oder 'durchgefiebert', und gefunden, daß wohl noch Keiner so tief in das Wesen der Kunst und künstlerischen Schöpfung jemals eingedrungen ist, wie Sie."(1)

Das anschließende kleine kunstphilosphische Scharmützel in der folgenden Passage des Briefes, das dem jugendlichen Begeisterungsausbruch folgt, zeigt wenig Verständnis für Nietzsches gedankliches Anliegen und so sind es eher Tonlage und die Ahnung der gedanklichen Brillianz des Autors Nietzsche, die diese Euphorie auslösen. Entzündet fühlt sich in Hart der junge Poet, der bereits als Siebzehnjähriger seinen ersten Gedichtsband "Weltpfingsten. Gedichte eines Idealisten" veröffentlicht hat. Mit enthusiastischem Gestus verkündet er: "Ich bin Dichter, ich fühl', ich weiß es, und es ist mir unmöglich, meine Kunst, in der ich lebe, webe, mit der ich Eins und All bin, die mich trunken zugleich und frei macht, so herabzusetzen, wie es nach Ihnen als geboten erscheint."(2) Nietzsche setzt den Dichter herab? Was an dieser Stelle von Heinrich Hart an der Schrift interpretiert wird, kann nur als ein Mißverständnis gedeutet werden, denn für Nietzsche ist - jedenfalls noch in dieser Periode seines Denkens - allein der Künstler zur Weltdeutung und Weltgestaltung berufen.

Äußerlich betrachtet beschäftigt sich die Schrift mit recht verschiedenen Problemen. Auf der philologischen Ebene wird der Beweis geführt, daß in der griechischen Tragödie zwei verschiedene menschliche Existenzweisen beschlossen sind. Aus der Kennzeichnung des Dionysischen und Apollinischen zieht Nietzsche gegen das zu Felde, was als sokratischer Geist zentraler Angriffspunkt aller seiner späteren philosophischen Attacken bleiben wird.

Der Freund Richard Wagner hatte über das Buch geurteilt: "Schöneres als ihr Buch habe ich noch nichts gelesen!" und lädt den Freund ein zum Glas Wein, um "dionysisch" zu trinken. Heinrich Hart indes wird sich ein Leben lang auf den Nietzschen Geist berufen, ohne dessen Gedankengebirge zu wirklich zu überschauen.

Was sich in dem Brief an Nietzsche ankündigt, wird für beide Brüder lebenslang kennzeichnend bleiben: "Ein Hang zum großen Wort, zum rhetorisch revolutionären Pathos und ein durch keinerlei Selbstzweifel getrübtes Selbstbewußtsein [...] Aber der Hang zu absoluten Forderungen war in dieser Literatengeneration weit verbreitet und zeugt vom radikalen Bruch, den man mit der Vätergeneration vollziehen wollte. Wie kaum einer aus dieser Generation sehen sich die Harts gerufen, diesen neuen Geist zu verkünden."(3)

Wenn Heinrich Hart in seinen Erinnerungen auf Nietzsche zu sprechen kommt, wird dieser zur flachen Chiffre von "Lebensfreude, Ausleben, Sinnlichkeit, Freiheit" und vollends deutlich heißt es dann: "Die Werte, die Nietzsche geahnt, sollten sich in Leben und Tat umsetzten. Ein neues Weltempfinden, heller, sonniger, weitherziger als das alte, eine neue Weltanschaung war im Keimen."(4) Im Namen Nietzsches ein Leben in Schönheit und genußreicher Schwärmerei - ein Gestus der später in den Gemeinschaftsprojekten zelebriert und gepflegt wurde.

Vollends deutlich wird das Niveau des Umgangs mit Nietzsche, wenn Hart nach der sozusagen optimalen Personifizierung des nietzscheanischen "Übermenschen" Ausschau hält: "[...] der Pole Przybyszewski. Ein Künstler, der vielleicht berufen war, höchste Aufgaben zu meistern, hat er doch nur wenig Lebendiges geschaffen, weil er Geist und Leben nicht zu meistern verstand. In seinem Tun und Dichten hat der moderne Subjektivismus mit die krassesten Auswüchse getrieben. Kaum ein anderer hat so wie er den Übermenschen in sich gezüchtet und den Wahn bis zur Tollheit gesteigert. Rein ästhetisch freilich hat sein Selbstbewußtsein so ganz nebenbei einige prachtvolle Blüten lyrischen Überschwangs gezeitigt. Die Rolle, die in Garborgs Leben der Pietismus spielte, spielte bei Przybyszewski die katholische Mystik, mit deren Dämmer und Weihrauch seine Jugend erfüllt war. Die andere Rolle spielte der Geist Nietzsches und die dritte gleichfalls Dämon Alkohol."(5)

Hier steht Nietzsches "Übermensch" für "krasseste Auswüchse" von Subjektivität: Wahn, Tollheit, Rausch... Für Nietzsche verkörpert der "Übermenschen" gerade die gegenteilige Haltung, er sei der, der sich bei ausdrücklicher Lebensbejahung nicht seinen Trieben ausliefere. Bei ihm heißt es: "Das ist die Häßlichkeit des letzten Menschen, der von seinen Trieben nicht frei wird." und er spricht sogar von Askese.

Auch in den Festspielen der "Neuen Gemeinschaft" am Schlachtensee mußte Nietzsches Geist die Vorlagen für quasireligiöse Erhebung liefern. So lädt dann das Jahresprogramm u.a. zu "Neue Dionysien - Trachtenfest" ein - man konnte sich auch telefonisch unter Nr.170 des Amtes Zehlendorf anmelden.

Quellen: 1. B. Hillebrand (Hrsg.), Nietzsche und die deutsche Literatur, Bd. 1, S. 56 - 2. ebenda, 56f. - 3. Kauffeldt/Cepl-Kaufmann, Berlin-Friedrichshagen, 1994, S. 110 - 4. H. Hart, Ges. Werke, 1907, 3. Bd., S. 92 - 5. ebenda, S. 90f.



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Der Dichterkreis - auch ein Stück Preußen

von Ronald Vierock, Friedrichshagen


Ein großes Jubiläum in unserer kleinen Welt wirft seine Schatten voraus: Friedrichshagen, dieser gut zwanzigtausend Menschen zählende Postzustellbezirk 12587 im neu begründeten Bezirk Treptow-Köpenick von Berlin vollendet im Jahre 2003 ein Vierteljahrtausend. - Seit einiger Zeit sammeln sich hier und da erste Interessenten, die zu diesem Jubiläum mehr stattfinden sehen wollen als nur das übliche und mit nahezu jedem anderen - hierzulande und heutzutage - austauschbare Straßenfest auf der Bölschestraße, mehr als nur ein einschlägig duftumflortes Jazzfrühstück bei unserer traditionellen örtlichen Bierfabrik, die trotzdem Berliner Bürgerbräu heißt und - was dem Faß den Boden ausschlägt - seit zehn Jahren ein bayrischer Familienbetrieb ist. (Soviel zu der konfusen Geschichtsverbundenheit, die - wie von allein - durch den Magen geht) ...

Dankbar sehen wir natürlich auf den Geschäftsgeist, der uns die Hauptstraße mit bunten Buden bevölkert. Ergriffen betrachten wir das historische Blechschild aus dem Fabrikverkauf der Bürgerbräu und hoffen inständig, daß uns Familie Häring den damaligen barockisierenden Charme der Brauerei zurückschenken möge: die Brauerei am Müggelsee, damals fast ein Schloß, reich verziert, in Grün gebettet, hier ein Turm und da ein Brunnen.

Führen nicht auch heute noch alle Weg in Friedrichshagen zur Brauerei? - Was liegt am Endpunkt unserer Magistrale: die Brauerei. Will man endlich zum See - eilig läßt man die Kirche links liegen, den Markt bemerkt man gar nicht ... was steht vor uns wie ein Signal: "Erst nach mir kommt's!": die Brauerei. Will man unseren Ort lieben, muß man sich notgedrungen auf den heute etwas bizarren Charme dieses Anwesens einlassen. Es gibt einfach nichts anderes, was den Eindruck Friedrichshagens aus jeder Blickrichtung derart dominiert, auch nicht das halb versteckte Wasserwerk - und Kirchturm nebst gegenüberliegendem Zehngeschosser flankieren diese Orientierung besonders markant -, als einzig unsere Brauerei. - Sie tut dieses ja auch nicht ohne Feingefühl: Ihr "Alter Ballsaal" hat sich als Kleinkunstpodium etabliert und ein kleines Biergärtchen bringt auch noch etwas Farbe ins Revier.

Muß man nun aber als Gast aus der großen weiten Welt, der hier vielleicht gar aus kulturhistorischem Interesse irgend etwas Erbauliches vermutet, nicht trotzdem pikiert den Blick senken ob dieses augenfälligen Sieges des schnöden Materialismus in diesem Ort: eine Fabrik im Mittelpunkt, dazu gar eine Brauerei - der Sieg des Magens über den Geist und solches auch noch leicht beduselt ...



Es ist ja gar nicht so, wie wir wissen. Friedrichshagen ist ja viel mehr. Und Friedrichshagen war viel mehr. Und - trotz seiner relativen Jugend - es lehrt uns vor allem noch sehr viel mehr: z.B. in diesem Punkte die Geschichte von der Umwertung aller Werte ... Denn eigentlich sind wir ja eine sehr vornehme Gründung, nämlich von Friedrich dem Großen.



Viele andere Orte von königlichem Geblüt - das erlebt man, wenn man auf der Suche nach Schönheit in Nähe und Ferne umherreist - orientieren sich hinter Markt, Rathaus und Kirche auf ein Schloß, wohinter dann liebliche Landschaft sich breitet, künstlerisch gefaßt zumal: ein Wasser ist immer dabei, und ringsumher ist's grün. Sieht man sich dann das Schloß an, kommt es mitunter vor, daß es eigentlich ein Kloster ist oder war und heute nicht mehr, sondern vielleicht ein Hotel mit Biergarten oder alles zugleich, z.B. in Bayern. Und man fühlt sich leicht verunsichert, beruhigt sich geistig durch den Besuch des eingefügten Museums, hält sich ein Vielfaches der dafür verwandten Zeit in der beherrschenden Gastronomie auf, um im Anschluß - zur Verdauung - ein wenig im anhängenden Grün zu spazieren, worauf man zufrieden wieder entschwindet.

Nicht anders verhält es sich in Friedrichshagen. Es ist ja allgemein bekannt, daß die Bürgerbräu bis vor knappen hundertfünfzig Jahren das Lehnschulzengutunseres Ortes war, so etwas wie unser Schloß also und nochmals hundert Jahre zuvor die Scheune vom Köpenicker Landjäger Bock, die Keimzelle Friedrichshagens, das zunächst Friedrichsgnade heißen sollte und solche anfangs auch bitter nötig hatte.

Dabei soll hier gar nicht an das kärgliche Auskommen der böhmischen und pfälzischen Kolonisten erinnert werden ("Alle Kinder spinnen."), auch nicht daran, daß diese landesfremden Menschen ausgerechnet in den Teil des tiefen Waldes gesetzt wurden, wo es nach Kenntnis der Köpenicker und Rahnsdorfer am meisten umgehen, also ungeheuer spuken sollte.



Vielmehr wollen wir des Herrn Pfeiffer gedenken, dem das kleine Gäßchen gewidmet ist, welches seitlich der Brauerei einstmals zur Fähre führte, bis dies und diese selbst durch den Spreetunnel überflüssig wurde.

Dieser Pfeiffer nämlich - der wirkliche Gründer und Urvater aller Friedrichshagener - war nichts weniger als ein treuer Beamter im Absolutismus, der Recht und Ordnung in die brachliegenden Wildnisse des Reiches einpflanzte - nein, er war ein Anarchist!

In der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts - sich stetig läuternd durch das weitgehend selbstgemachte Leid der Schlesischen und später des Siebenjährigen Krieges, regierte in Preußen der aufgeklärte Verstand des Philosophen von Sanssouci, und zwar absolut. Der Anspruch bestand wohl, allein der Widerborstigkeit war kein Ende. - War nicht Friedrich selbst in seiner Jugend seinem Vater gegenüber ein wahrer Anarchist gewesen: erst das ewige Geflöte und dann noch diese Flucht mit Freund Katte?! ... alles mit (Kattes) Blut abgewaschen! Schwamm drüber.

Nun dieser Pfeiffer! Soll das Land pöblieren ("Und wollten die Türken und Heiden kommen, so wollten wir ihnen Moscheen und Kirchen bauen", merkte Friedrich an.). Soll überall schöne neue Dörfer bauen, möglichst billig zwar und mit Zulieferfunktion für die Ausstattung der Armee (so eben unsere Seidenspinner für die Uniformen), aber auch mit mancherlei Freiheiten von Steuern und in Fragen des (Heiligen) Geistes. Soll aber auch den schönen Wald im Hofjagdrevier Köpenick nicht versauen. Deshalb soll das neue Dorf nicht ans Ufer des Sees, sondern bitteschön ein ganzes Stück tiefer hinein, daß es nicht so auffällt. Und dann alles gut besetzen und verkaufen; die Einnahmen umgehend an den König: der "erste Diener des Staates" wisse schon wofür: Preußen stärken, absolut.

Was macht Pfeiffer? Findet Gefallen an der Idylle am Spreegemünde; hier die Scheune vom Landjäger, drüben die "Müggelbude", spartanisches Logis für durchkommende Bootsleute; Fontane hat davon berichtet: alles sehr hübsch hier und abgelegen, hübsch abgelegen eben. Da könnte man sich doch selbst einen Edelsitz bereiten. Also einen Strohmann gefunden, der das Gut zunächst kauft und dann - vor allem - das Gut ran an den See und den Ort gleich dahinter. Wird schon keiner merken. So hübsch abgelegen hier. - Hat natürlich doch einer gemerkt. Pfeiffer ab ins Gefängnis. Als er wieder rauskam, ward er Professor für Betriebswirtschaft im Rheinland. Wußte ja, wie's geht - ein Anarchistenschicksal?!

Friedrichshagen blieb bestehen, bekam einen neuen Lehnschulzen, Süßmilch war sein Name - trotz des hebräisch klingenden Namens ein Kirchenmann aus Berlin -, stritt sich trotzdem untereinander, ob man nun tschechisch oder deutsch Gottesdienst halten durfte oder alles zugleich, wurde Besenbinderdorf und endlich Luftkurort mit Brauerei am See und Wasserwerk am See und Kurpark ... am Hinterausgang des Dorfes.

Komischer Kurort. Hat an der schönsten Stelle diese Brauerei, wo man Kneipenkur machen könnte, aber nichts mit Milch und Wasser bei der guten Luft. Dazu muß man in den Wald hinter der Eisenbahn. Da spielt zwar die Kurkapelle, aber wieviel schöner wär's doch am See, wo man den schon hat! Also, liebe Einwohner und Residenten Friedrichshagens, laßt den Uferstreifen frei! Wir wollen dort eine Kurpromenade anlegen. Die Schiffe von weither würden anlegen. Viele Gäste kämen zu uns. Sie hätten ein bezauberndes Entree: gepflegte Gartenanlagen und dahinter - prosperierend - unser emporwachsender Ort mit Schmuckplätzen und Villen.

Hat sich was! - Und wieder siegte die Anarchie!

Jeder will ans Ufer! Das Gut wird parzelliert, bebaut: das ganze Seeufer zu und dahinter das Wasserwerk. Zwar gibt's da auch die Terrassen der Restaurants, aber für die allgemeine Allgemeinheit? - Zehn Meter breit ist der öffentliche Zugang zum See, an dem ein Promenadenersatz in Brückenbauweise als Anlegestelle entstehen kann: der (heute verschwundene) Kaisersteg ...

Heute zwar haben wir ja den Müggelpark mit dem Spreetunnel und der Schiffsanlegestelle. Die aber verdankt sich einzig der großherzigen Stiftung des jüdischen Bankiers Ehrlich, der den Park seiner Villa (die heute immer ruinöser daneben verkommt) der Öffentlichkeit unter der Auflage zur Verfügung stellte, daß sie auch wirklich als allgemein zugänglicher Erholungsort für diese Öffentlichkeit erhalten bleibt. (Übrigens steht es mit dem anderen direkt in Friedrichshagen befindlichen kleinen Park ganz genauso. Da hieß der jüdische Privatier Goldmann. Also Goldmannpark. - Und soviel zur Begründung des Antisemitismus in Friedrichshagen.)



Während wir, um uns ein wenig die Beine zu vertreten und über das bisher Gesagte nachzusinnen, die Scharnweberstraße entlang spazieren, werden wir mit einem Male gewahr, wie sehr sich diese noch kürzlich locker bebaute Gegend, in der sich größere mit ländlich kleinen Häusern und üppigen Gärten abwechselten, in den letzten Jahren in eine vierstöckige Straßenschlucht unter Dominanz der so beliebten betonierten "Stadtvillen" verwandelt hat. - Und ein Jauchzen will uns erfassen: Die alte Anarchie lebt! Schluß mit Ortsbild und Landschaftscharakter - mein Grundstück muß voll werden! Füllest wieder Busch und Tann, liebliche Gestalt; aus Stahl und Glas und aus Beton entsteht ... ein neuer Wald? ... die ultimative Vielfalt? ... die zeitlose Schönheit ... der großen Zahlen auf meinem Bankkonto ... - ... wieso auf meinem? ...

Fast will uns Nostalgie nach der morbiden Pracht der kürzlich noch oft ruinös dahinvegetierenden älteren Gebäude in ihrem damaligen Umfeld aufzuzehren anheben, da nehmen wir unsere Zuflucht noch gerade rechtzeitig zu einer höheren Ebene der Betrachtung: Ist die Form von Anarchie, von der hier bisher gehandelt wurde, denn eigentlich diejenige, mit der sich unser Verein betreffs der Herren Mühsam, Landauer, Spohr, Weidner u.a. ansonsten zu befassen pflegte? Ist das die Geistesfamilie des Friedrichshagener Dichterkreises, wie er sonst in der allgemeinen Vorstellung präsentiert wird in wallende Lodenmäntel, Alkoholfahnen und hochtrabendes Wortgeklingel getaucht? - Wohl mitnichten!



Als "unser Klientel" in Stürmen und Drängen vor gut hundert Jahren durch diesen Ort toste und ihn für kurze Zeit mit dem Hauch der großen weiten Geisteswelt erfüllte ("Friedrichshagen - Kulturhauptstadt der Jahrhundertwende") - wovon im übrigen nichts mehr hinterblieben ist als die mehr oder weniger authentische Außengestalt einiger Wohnhäuser und wenig gelesene Bücher -, da taten sie ein genau Entgegengesetztes an Ordnungswidrigkeit! - Nicht die skrupellose Selbstbereicherung unter Überdehnung aller Vorschriften und Ordnungen - und bei Bedarf an denen und den Interessen aller Mitmenschen vorbei - verunsicherte nunmehr die Ruhe des Landes und die konstante Delegierung aller Verantwortung auf eine möglichst herausgehobene Zentralinstanz. Dieser Anarchismus sprang die Menschen im Gegenteil in ihrem Innersten an und faßte sie bei ihrer individuellen Würde, die als ihre ureigenste Verantwortung begriffen werden sollte: Man sollte plötzlich selbst denken, selbst handeln, selbst bestimmen und alle Ordnung aus den Fugen hebeln, wenn sie den hehren ethischen Prinzipien, die aus dem Prinzip der Wahrung der Würde jedes einzelnen Menschen folgen, nicht entspricht. Man sollte sich also über alles hinwegsetzen, mal direkt, und mal versteckt - das kannte man ja -, aber am Ziel sollte nicht ein privater materieller Vorteil stehen, sondern die Wohlfahrt einer ganzen Menschheit! - Diese Anmutung war eine Zumutung!

Seit Pfeiffer zumindest wußte doch jeder aufgeklärte Spießbürger, daß es zwar gefährlich ist, sich gegen Ordnungen und Vorschriften aufzulehnen und solcherart anarchistisch zu handeln. Wenn man das aber tut, um sein eigenes Süppchen zu kochen, und ein stärkerer Wolf unter Wölfen zu werden, erntet man am Ende doch Respekt und Bewunderung der Unterlegenen, sie kommen einem nachgelaufen und versuchen einen zu kopieren. Also wird man Professor unter den Wölfen und bildet viele junge Wölfe: "Du kamst so durch, so ging es allenfalls. Mach's einer nach und breche nicht den Hals." (Goethe) - So eine Art von Anarchismus mag man ganz gerne, den Anarchismus der kleinen Steuerschwindelei eben. Man darf es nur nicht so laut sagen. Aber was ein Ernst Mühsam oder Gustav Landauer im Endeffekt gewollt haben an Beunruhigung zum Zwecke der Durchsetzung einer höheren Vernunft, davon wollen wir gar nichts hören. Sie waren ungepflegt, hatten schlechte Manieren und betrogen ihre Frauen. Professor wurden sie auch nicht, sondern erschossen. Siehste wohl! Es gab ja noch den Bölsche und den Wille, die waren nachher so etwas wie Professoren. Aber so richtige Anarchisten waren sie ja eigentlich auch nicht. Und das wollen wir jetzt auch gar nicht so genau wissen. Denn vorsichtshalber haben wir zwei große Straßen nach denen benannt und nach dem Hille und dem Hart gleich mit. Da hat die liebe Seele Ruh. Man kann ja auch nie wissen: Vielleicht kommen die noch mal groß raus, als Klassiker oder so, unverständliches Zeugs geschrieben haben sie ja genug ... Bis dahin jedenfalls: Ruhet in Frieden!



Wenn wir nun - zum zweihundertfünfzigsten Gründungsjubiläum Friedrichshagens - am Marktplatz das Denkmal des alten Fritzen wieder aufrichten, wozu viele geholfen haben mit wirklich großzügigen Spenden, so knüpfen wir damit an eine Idee an, die vor und hinter jeder Idee von Anarchie, sprich von Unordnung überhaupt steht: Da soll jemand sein, der für uns sorgt - nicht Gott, der ist uns zu groß, nein, ein Mensch, der uns gleich ist - Quatsch! -, natürlich etwas gleicher: jemand jedenfalls, der für uns verantwortlich ist, der uns unsere Verantwortung abnimmt für uns, für andere, für alles. Der soll uns davor bewahren, daß die anderen Wölfe uns zu doll beißen und eigentlich auch davor, daß wir uns selbst allzu sehr trauen, andere zu beißen. Ein bißchen beißen wollen wir natürlich schon. Deshalb soll der König weit weg sein. In Berlin, in der Vergangenheit, im Märchen, z.B. in jenem sagenhaften Land Preußen, von dem man so schön reden kann, ohne irgend eine Konsequenz zu verspüren. Es ist nicht ganz Fisch, es ist nicht ganz Fleisch. Es ist ein bißchen böse und trotzdem ganz gut. Es ist nicht recht erlaubt, aber schon gar nicht verboten. - Es ist eben so wie wir selbst: unentschlossen. - Zumindest, soweit wir das verstehen. Und deshalb stellen wir uns jetzt erstmal dieses Denkmal hin und dahinter eine betonierte Stadtvilla statt der alten Kaufhalle. Dann wissen wir, daß da einmal jemand gedacht hat (Denkmal!), vielleicht auch nachgedacht - wir wissen bloß nicht mehr wann ... und was sowieso nicht. Aber schöner aussehen als vorher tut's doch allemal, oder?



Sieht's auch. Ganz sicher. Denn Preußen ist weit.





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Kreuzweiser Austausch
Die ungewöhnliche Beziehung von Ernst Jünger und Erich Mühsam

Von Lars-Broder Keil (Friedrichshagen)


"Mühsam lernte ich bei Ernst Niekisch kennen, den ich häufig aufsuchte. Ich glaube, auch Toller war an jenem Abend dabei. Sie kannten sich aus der Zeit der Münchener Räterepublik, mit der sich die Linke eine ähnliche Absurdität wie später die Rechte mit dem Kapp-Putsch leistete. Wir kamen in ein angeregtes Gespräch, Mühsam begleitete mich auf dem Heimwege. Er war Bohemien vom Schlage Peter Hilles, weltfremder Anarchist, verworren, kindlich-gutmütig. (...) Er redete in flatterndem Mantel wild, beinahe schreiend auf mich ein, so daß sich die Passanten nach der seltsamen Erscheinung umwandten, die an einen großen unbeholfenen Vogel erinnerte. Wir tauschten einige Briefe, bis kurz vor seiner Verhaftung; schreckliche Gerüchte sickerten bald über sein Schicksal durch." (1)
Diese Schilderung seiner ersten Begegnung mit Erich Mühsam (1878-1934), die um 1930 herum stattfand, hielt Ernst Jünger (1895-1998) am 24. August 1945 in seinem Tagebuch fest. Glaubt man Jüngers Eintrag, blieb es nicht bei dieser Begegnung. Es ist eine Beziehung, die ungewöhnlich, fast unwahrscheinlich anmutet: der linke Anarchist Erich Mühsam und der bis heute umstrittene konserverative Schriftsteller und Käferforscher Ernst Jünger.

Schwierige Spurensuche

Erich Mühsam wurde 1878 in Berlin geboren, wuchs aber in Lübeck auf. Nachdem er dort eine Glosse über den Direktor seiner Schule in einer SPD-Zeitung veröffentlicht hatte, flog er wegen "sozialistischer Umtriebe" von der Schule und begann eine Apothekerlehre. 1900 zog er nach Berlin, fand Anschluss an die Neue Gemeinschaft der Gebrüder Heinrich und Julius Hart sowie an die Literatur-Bohemeszene und freundete sich mit Gustav Landauer an. In Friedrichshagen arbeitete er ab 1902 für die anarchistische Zeitung "Armer Teufel", bis er 1904 zu seinen Wanderjahren durch Europa aufbrach. Diese führten ihn schließlich nach München, wo sich Mühsam ab 1909 niederließ. 1918 beteiligte er sich führend an der Gründung der Münchener Räterepublik und musste nach deren Niederschlagung ins Gefängnis, wo er bis Ende 1924 einsaß. Anschließend zog Mühsam wieder nach Berlin und gab dort die Monatzeitschrift "Fanal" heraus. 1933 von der SA verhaftet, wurde er nach schweren Misshandlungen 1934 im KZ Oranienburg ermordet.
Ernst Jünger wurde 1895 in Heidelberg geboren. Wie ein Großteil seiner Generation meldete er sich 1914 als Kriegsfreiwilliger. Er wurde mehrfach verwundet und ausgezeichnet. Mehr als das prägte ihn die Materialschlacht an der Front, die er in Büchern, wie "In Stahlgewittern" (1920), verarbeitete. Auffallend dabei: zum einen die nüchternen Schilderungen des Grauens, andererseits die Begeisterung für den militärischen Kampf. Dieser Stil sowie die Mitarbeit in nationalistischen und militanten Gruppierungen wie Zeitschriften brachten ihm den Ruf des demokratiefeindlichen Reaktionärs und Kriegsverherrlichers ein. Dabei war auch der junge Jünger, wie viele seiner Generation, jemand, der sich erst durch den Krieg verändert hatte und der auch ein Suchender war: "Mein Weltbild besitzt durchaus nicht mehr jene Sicherheit, wie sollte das auch möglich sein bei der Unsicherheit, die uns seit Jahren umgibt", schrieb er über seine Kriegserlebnisse im Buch "Der Kampf als inneres Erlebnis" (1922). Mitte der 20er-Jahre begann er Philosophie und Zoologie zu studieren, brach das Studium aber 1926 ab und lebte seitdem als Schriftsteller - unterbrochen durch seinen Militäreinsatz im zweiten Weltkrieg, den er unter anderem im Stab des Militärbefehlshabers in Paris verbrachte. 1944, nach dem missglückten Attentat auf Hitler, wurde Jünger aus der Armee entlassen. Der Autor zahlreicher Bücher, Tagebücher und Essays starb 1998 im Alter von 103 Jahren.
Leider sind die Briefe Mühsams an Jünger vernichtet - unter welchen Bedingungen dies geschah, soll zu einem späteren Zeitpunkt beschrieben werden. Daher lässt sich auch nichts über den Inhalt sagen. Neben dem etwas ausführlicheren Eintrag von 1945 tauchen nur wenige kurze Hinweise auf Mühsam in Jüngers Tagebüchern auf. Im Eintrag vom 10. September 1943 schrieb er über Mühsam, dass dieser "eine kindliche Neigung zu mir gefasst hatte" und dass man ihn "auf so schauerliche Weise ermordete". Am Ende findet sich die Einschätzung: "Er war einer der besten und gutmütigsten Menschen, denen ich begegnet bin." (2). Kurz erwähnte Jünger ihn noch am 20. Oktober 1972 und 20. Mai 1980 (3). Am 19. November 1989 notierte Jünger: "Hans Jürgen Frh. von der Wense (1894-1955). Ich lese in seinen Tagebüchern Notizen über die Novemberrevolution von 1918 und deren Folgen bis zur Niederschlagung der Münchner Räterepublik; sie erinnern mich an Gespräche mit Beteiligten wie Niekisch, Toller und Mühsam." (4)
Mühsam wiederum erwähnte weder in seinen Erinnerungen noch in Briefen seine Beziehung zu Jünger. Von der Bekanntschaft kündet lediglich der Eintrag im Notizkalender von 1930: "15.1. Begegnung mit Ernst Jünger bei Rudolf Schlichter" (5). Das Aussparen der Beziehung zu Jünger mag daran liegen, dass sie nur lose war und er ihr keine so große Bedeutung beigemesssen hat - was angesichts der verschiedenen Weltbilder der beiden nicht verwunderlich sein dürfte. Doch offenbar hinderte sie das nicht, Gespräche zu führen. Mehr Aufschluss könnte Mühsams Nachlass geben, doch der ist zu einem großen Teil zerstört. Chris Hirte, ein Mühsam-Biograf und -kenner, wundert sich über die Beziehung nicht. Zum einen habe sich Mühsam in seiner Zeitschrift "Fanal" ausführlich mit Kriegsliteratur befasst, und Jünger war einer der wichtigsten Vertreter. Zum anderen habe Mühsam viel Wert auf Kontakte quer durch alle Gruppierungen gelegt und mit diesen ausführlich kommuniziert, besonders gern mit prominenten Zeitgenossen, zu denen Jünger damals schon gehörte. Unter Mühsams Bekannten stammten laut Hirte viele aus dem bürgerlichen Lager. Ideologische Barriere gab es für den Anarchisten Mühsam hier offenbar nicht.
Auffallend an Jüngers knappen Überlieferungen der Kontakte ist der wohlwollende Ton, mit dem er über den "Friedrichshagener" Mühsam spricht. Daher scheint es interessant, das Klima zu beschreiben, das damals Treffen zwischen linken und rechten Intellektuellen möglich machte. Verzichtet wird, vor allem aus Platzgründen, auf eine Analyse der relevanten Werke Jüngers, die aber genannt werden sowie auf eine tiefere Analyse der nationalistischen Strömungen, die in der Beziehung eine Rolle spielen. Zu diesen gibt es eine erschöpfende Literatur.

Niekisch als Bindeglied der Beziehung

Wie in Jüngers Tagebuch angedeutet, war Ernst Niekisch (1889-1967) das Bindeglied in dieser ungewöhnlichen Beziehung. Niekisch, Sohn eines Feilenhauermeisters und in Schlesien geboren, las in seiner Jugendzeit neben Klassikern auch die Werke der Moderne von Gerhart Hauptmann, Henrik Ibsen, Frank Wedekind und Max Halbe, die zum Teil prägend für die "Friedrichshagener" waren. Er lernte Erich Mühsam zusammen mit Gustav Landauer 1918 während der Zeit der Räterepublik in München kennen, an der sich alle drei aktiv mitwirkten. Niekisch beschreibt Mühsam in dieser Zeit als sprudelnden, witzigen Geist, "ein guter Mensch, aber so ausgesprochen literarischer Bohemien, daß sich niemand ihn in einer würdigen Amtsposition vorstellen konnte" (6). Letztere Bemerkung zielt auf einen Versuch von Mühsam, sich selber als Volksbeauftragter für das Auswärtige im Kabinett der Räterepublik vorzuschlagen. Landauer war für Niekisch eine "geistig überlegene Persönlichkeit" (7), ein außerordentlicher und gedankenvoller Redner (8).
Die Zusammenarbeit lockerte sich mit dem Rücktritt von Niekisch vom Posten des Präsidenten des Zentralrats der Arbeiter-, Bauern- und Soldatenräte Bayerns. Trotzdem unterzeichnete er einen Aufruf zugunsten des seit 1919 inhaftierten Mühsam, der ärztliche Hilfe brauchte. Kurze Zeit später trafen sich beide wieder - in der Festungshaft. Dort zettelte Mühsam unter den Häftlingen einen Streik an, bei dem Essenreste auf die Gänge geworfen wurden. Niekisch, der angesichts der Lebensmittelknappheit dieser Zeit eine "schlechte Presse" für diese Aktion befürchtete, brach den Streik und säuberte am dritten Tag mit Hilfe anderer Häftlinge die Flure (9). Mühsam zeigte sich verbittert über die Streikbrecher und nannte Niekisch und dessen Umfeld in seinen Tagebüchern verächtlich die "Intellektuellen" (10).

Niekisch trat nach seiner Entlassung in den Schuldienst ein, war Landtagsabgeordneter der USPD und folgte im November 1922 dem Ruf in den Hauptvorstand des Deutschen Textilarbeiterverbandes nach Berlin, schied aber 1926 im Streit mit der SPD aus dem gewerkschaftlichen Verband aus und ging nach Dresden. Dort schloss er sich der Alten Sozialdemokratischen Partei (ASP) an und gab die Zeitschrift "Widerstand. Blätter für sozialistische und nationalrevolutionäre Politik" heraus.
Über diese Herausgeberschaft und die ASP bekam er zunehmend Kontakt zu bündischen Kreisen, zu reaktionären Gruppierungen, beispielsweise zum Jungdeutschen Orden, zu Konservativen, wie den ehemaligen Korpsstudenten Friedrich Hielscher, der zum Thema "Nietzsche und der Rechtsgedanke" promoviert hatte und sich später diffusen sozialrevolutionär-nationalistischen Tendenzen näherte, sowie zu bürgerlichen Intellektuellen, etwa zu Friedrich Georg Jünger, ein Bruder von Ernst Jünger (11).
Auf die Jünger-Brüder war Niekisch durch den Philosophen Alfred Baeumler gestoßen, der zugleich Mitglied des Kampfbundes für deutsche Kultur von Alfred Rosenberg war. Baeumler lobte Ernst Jünger als einen Mann, "der die technischen Tendenzen der Zeit in vollem Umfange begriffen habe" und nicht mehr in rückständiger Bürgerlichkeit stecke (12). Dies war wohl der Anlass, Jünger 1926 zur Mitarbeit am "Widerstand" aufzufordern, wie aus einem Brief Ernst Jüngers an seinen Bruder hervorgeht (13). 1927 erschien der erste Artikel.
Im Herbst des gleichen Jahres, so berichtet Niekisch in seinen Erinnerungen, sei er mit Baeumler nach Berlin gereist, der dann einen Besuch bei Jünger angeregt habe. Jünger habe beide freundlich in seiner Wohnung in der Nähe der Warschauer Brücke empfangen. "Wir tranken Kaffee und unterhielten uns über politische Vorgänge jener Tage", erinnert sich Niekisch (14).

Allerdings scheint er sich im Jahr geirrt zu haben, da Baeumler die Jüngers erst 1928 kennenlernte und auch die Briefe erst aus diesem Jahr stammen (15). Ob nun 1927 oder 1928, nach dem ersten Treffen entwickelte sich jedenfalls ein, laut Niekisch, freundschaftlicher Verkehr, gelegentlich schrieb Jünger für den "Widerstand" Aufsätze, und als Niekisch wieder nach Berlin zog, trafen sich beide, etwa bei einer Besprechung des Kreises "Neuer Nationalisten" mit dem Verleger Ernst Rowohlt oder bei Niekisch zu Hause. Bei einem dieser Besuche kam es dann zum Kontakt zwischen Mühsam und Jünger.
Jünger in Berlin

Rund sechs Jahre, von 1927 bis 1933, lebte Ernst Jünger in Berlin. Nach seinen Büchern über den Ersten Weltkrieg war er zum Hoffnungsträger und Wortführer der Gegner der Weimarer Republik im rechten Spektrum geworden.
Die unter dem Begriff "Neuer Nationalismus" zusammengefassten Gruppierungen bekannten sich einmütig zur Nation und einem wehrhaften Staat. Doch Jünger begann schnell, sich von den radikal-militanten Kreisen zu lösen. Wie schon die jungen Intellektuellen zur Jahrhundertwende zog Jünger das Geschehen der pulsierenden Hauptstadt an. Jünger versuchte sich in bohemhaftem Lebensstil, wohnte in möblierten Zimmern, wanderte nachts durch die Straßen, hielt seine Beobachtungen fest, nahm gelegentlich an Trinkfesten teil. Er suchte Kontakt zu Vertretern aller Couleur, zu Nationalisten und Rechten, beispielsweise zu Friedrich Hielscher und Otto Strasser, zu Linken, wie Bertolt Brecht, Erich Mühsam, Ernst Toller und zu Rudolf Schlichter, der Jünger 1929 und noch einmal 1937 porträtierte (16).
Der Maler, Zeichner und Schriftsteller Rudolf Schlichter (1890-1955), bei dem Mühsam laut seinem Notizkalender auch Jünger traf, erregte Anfang der 20er-Jahre mit seiner Plastik des an der Decke schwebenden "Preußischen Erzengels" in Uniform und Schweinskopf Aufsehen. Etwa 1927 wurde der kommunistische Künstler als genauer Zeichner der Berliner Halbwelt bekannt, war unter anderem mit George Grosz und Bert Brecht befreundet. Durch die Begegnung mit seiner späteren Frau Speedy wandte sich Schlichter jedoch dem Katholizismus und Nationalismus zu. In dieser Phase lernte er auch Ernst Jünger kennen, der den Maler sehr schätzte. Die erste Begegnung fand wahrscheinlich beim Verleger Rowohlt statt, der, wie Jünger notierte, "sich ein Vergnügen daraus machte, pyrotechnische Mischungen auszutüfteln, besonders an seinen Geburtstagen" (17).

Links-Rechts-Dialoge

Für die Weimarer Jahre war ein Wirrwarr von rechten und linken Gruppen, Bünden, intellektuellen Zirkeln und Sammlungsbewegungen kennzeichnend, die weniger in festen Organisationsformen oder gar Ortsverbänden agierten. Meist handelte es sich um Mitarbeiter einer Zeitschrift, die sich um den Herausgebe scharrten. Die Akteure waren oft junge, unzufriedene Kriegsteilnehmer, die nach einer Neuorientierung, einem "neuen politischen Leitbild eines nationalen Selbstbewusstseins" suchten - und zwar jenseits vom Parteiengezänk. (18). Die Frontgeneration der 1890-1905 Geborenen kritisierte und bekämpfte die Ideen des Liberalismus und des Parteiensystems. Sie stellten die Bindung an eine fast mystisch anmutende Nation in den Mittelpunkt, grenzten sich aber vom Nationenbegriff patriotischer Prägung ab.
Was bewegte die "rechten" Strömungen, die unter Begriffen wie Nationalrevolutionäre zusammengefasst wurden, zum gemeinsamen Vorgehen? Jürgen Danyel nannte auf einer Tagung der Evangelischen Akademie Berlin 1990 über den so genannten "Gegner"-Kreis drei wesentliche Handlungsanreize: Zum einen werden die Aktivitäten als Reaktion auf die Modernisierungprozesse der 20er-Jahre verstanden und auf die Erkenntnis, Anschluss an politische Massenbewegungen gewinnnen zu müssen. Allerdings waren die Vertreter des Nationalismus zumeist Einzelgänger und stolz auf ihre Isolierung. Geradezu mit Verachtung wiesen sie die Möglichkeit ab, sich von den großen politischen Strömungen tragen zu lassen. Sie sahen sich in Opposition, als Individualisten und auf dem Weg, für sich den Begriff Konservatismus neu zu definieren. Zweitens prägten die Strömungen das "Gemeinschaftserlebnis Krieg" und die revolutionären Nachkriegsauseinandersetzungen sowie das "Unvermögen zur sozialen Integration in eine ihnen fremde bürgerliche Welt". Drittens schließlich führte die nationale und soziale Problemlage Deutschlands nach 1918 zu einer Politisierung, verbunden mit dem Aufbegehren gegen die eigene bürgerliche Herkunft - gerade im letzten Punkt finden sich verblüffende Parallelen zu den "Friedrichshagener Dichtern" und den Motiven ihres Handelns um die Jahrhundertwende.
Die nationale Problematik bildete das Dach der oft gegensätzlichen Strömungen. Betont wurde der Charakter der "Bewegung", favorisiert eine "Verbindung von Nationalismus und Sozialismus", in der die Arbeiterschaft eine historische Trumpfkarte im Rahmen einer umfassenden Gesellschaftsveränderung werden sollte. "Rechte" wie "Linke" fanden auch eine gemeiname Basis in der Ablehnung des westlichen Imperialismus, dessen Hauptsymbol für sie der Versailler Vertrag war (19). Im Unterschied zum Marxismus bekannten sich die Nationalrevolutionäre, und besonders deren nationalbolschewistische Strömung, zu Nation und Staat (20).
In der außenpolitischen Betrachtung sympathisierten die Strömungen mit der nicht am Versailler Vertragswerk beteiligten Sowjetunion - mit einer häufig diffusen Zuneigung und Verklärung. So nutzte auch Jünger die Einladungen der "Gesellschaft zum Studium der russischen Planwirtschaft". Im Ergebnis entstand seine 1932 erscheinende theoretische Schrift "Der Arbeiter", die Unverständnis im rechten Lager und heftige Kontroversen auslöste.
Wechsel zwischen den Lagern und Kontakte waren nicht selten. In Gesprächszirkeln aller Art trafen sich offizielle und oppositionelle Kommunisten, sozialistische und konservative Intellektuelle, parteitreue bis parteifeindliche Nationalsozialisten. Bei allen Unterschieden, ja Hass zwischen den Flügeln, zog die gemeinsame Radikalität des Gefühls und des Denkens an.
Vor diesem Hintergrund sind auch die Kontakte zwischen Jünger und Mühsam zu sehen. Nach Ansicht des Jünger-Biographen Heimo Schwilk fühlte sich der nationalrevolutionäre Autor zu Personen hingezogen, die die herrschende Verhältnisse in Frage stellten, zu einem Radikalismus der Tat neigten, um aus der beengten Sphäre des Bürgerlichen auszubrechen. Auch Jünger verspürte früh diesen Drang, meldete sich als Jugendlicher in der Fremdenlegion, "ein früher, instiktiver Protest gegen die Mechanik der Zeit", nannte er diesen Schritt später. Eine mehr selbst-analytische Verarbeitung des ersten Ausbrechens lag jahrelang als unveröffentlichtes Manuskript in seinem Schreibtisch. Es trug den bezeichnenden Titel "Die letzte sentimentale Reise oder die Schule der Anarchie" (21) und wurde 1936 als "Afrikanische Spiele" veröffentlicht.
Mühsam wiederum suchte in seiner Vorstellung, die Regierung durch eine Revolution abzulösen, nach tatbereiten Leuten, um sie gegen die Weimarer Republik zu mobilisieren. Die meinte er offenbar auch unter den Vertretern der Nationalrevolutionäre zu finden, deren Wille zu Aktionen ihm näher lag, als das abwartende Verhalten der Funktionäre von SPD und KPD, die auf Parlamentarismus setzten, schätzt Mühsam-Forscher Hirte ein. Jünger zählte sich selbst zu den Nationalrevolutionären, bezeichnete sich öffentlich aber erst Anfang der 80er-Jahre so.
Das mag daran liegen, dass Jünger, der sich auf besondere Weise als elitärer Einzelkämpfer verstand, Distanz zu den Gruppen gewahrt hatte, weil er Zuordnung als Vereinnahmung verstand. Bereits als der "Arbeiter" erschien, hatte er sich aus dem aktiven Geschehen zurückgezogen, "in die Innerlichkeit", wie Niekisch das bezeichnete.
Trotzdem hielt er weiter Kontakt. Als das NS-Regime an die Macht kam, nahm Jünger beispielsweise Niekisch kurzzeitig bei sich auf und kümmerte sich nach dessen Verhaftung um die Niekisch-Familie.

Vernichtung der Mühsam-Briefe

Die Beschreibung der Kontakte zwischen Ernst Jünger und Ernst Niekisch hätte ergiebiger ausfallen können, wenn Jünger nicht so vorsichtig gewesen wäre. Als die Nationalsozialisten die Macht in Deutschland ergriffen und ihre Gegner zu verhaften begannen, vernichtete er in einer hektischen Aktion einen Teil seiner umfangreichen Briefsammlung und Tagebuchaufzeichnungen. Darunter auch die wenigen Briefe von Mühsam, die laut Jünger "harmlos waren wie der Mann selbst" und später die Briefe von Ernst Niekisch, bei dem Jünger Mühsam kennengelernt hatte. Mehrfach bedauerte er die Lücken, "die vor allem dadurch entstanden sind, daß ich in Anfällen von Nervosität Papiere verbrannt habe". Aber Jünger wusste um die Sprengwirkung, wenn sie bei ihm gefunden worden wären. "Wenn meine Bekannten durch mich Schwierigkeiten hatten, so galt das auch umgekehrt, es fand kreuzweis ein Austausch statt. Der Umgang mit Niekisch, Mühsam, Otto Strasser, Hofacker, Schulenburg, Heinrich von Stülpnagel und anderen warf ein ungünstiges Licht auf mich", schrieb er rückblickend in seinem Tagebuch am 24. August 1945. Wie recht er mit dieser Annahme hatte, musste Jünger kurze Zeit nach dem Vernichten der Briefe erfahren. Eines Abends, er saß in seiner Steglitzer Wohnung und las Beardsleys "Venus und Tannhäuser", klingelte es an der Tür. Zwei Gestapo-Beamte traten ein, überhörten Jüngers Frage nach den Ausweisen und begannen in den Zimmern nach Waffen und verbotenen Papieren zu wühlen. Jüngers Buch "Der Arbeiter" im Regal schien ihr Misstrauen zu fördern. Dann kamen sie zu ihrem Anliegen und fragten nach den Briefen von Erich Mühsam. Jünger reichte ihnen seine Briefmappe "H-M", in denen die Briefe Mühsams fehlten, aber nicht die von Hitler und Hess, und hielt die Reaktion der Beamten in seinem Tagebuch fest: "Sie begannen zu blättern, stießen dabei gleich auf einige Namen, die hoch im Kurs standen, und brachen ihr Unternehmen ab." (22)

Im nächsten Heft: Jünger und der Individualanarchismus von John Henry Mackay und Max Stirner

Quellen:
  1. Ernst Jünger: Die Hütte im Weinberg, Jahre der Okkupation, In: Strahlungen II., Verlag Klett-Cotta, Stuttgart, 1979, S. 516 f.)
  2. Ernst Jünger: Das zweite Pariser Tagebuch, In: Strahlungen II..., S. 146
  3. Ernst Jünger: Siebzig verweht II, Verlag Klett-Cotta, Stuttgart, 1981, S. 97 und S. 610ff.
  4. Ernst Jünger: Siebzig Verweht IV, Verlag, Stuttgart, 1981, S. 383
  5. Chris Hirte: "Erich Mühsam", Verlag Neues Leben Berlin, 1985, S. 419
  6. Ernst Niekisch: Gewagtes Leben, Kiepenheuer & Witsch, Köln-Berlin, S. 43
  7. ebenda, S.68
  8. ebenda, S.78
  9. ebenda, S.96
  10. Erich Mühsam: Tagebücher 1910-1924, Deutscher Taschenbuch Verlag, München, 1994, S.240f.
  11. Ernst Jünger in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Rowohlt Verlag, S.41
  12. Ernst Niekisch: Gewagtes Leben, S. 187
  13. Friedrich Georg Jünger: Briefwechsel mit Rudolf Schlichter, Ernst Niekisch und Gerhard Nebel, Klett-Cotta Verlag, Stuttgart, 2001, S. 59
  14. Ernst Niekisch: Gewagtes Leben..., S.187
  15. F.G. Jünger, S.59f.
  16. Horst Mühleisen: Ernst Jünger in Berlin, Frankfurter Buntbücher 20, S. 5
  17. Ernst Jünger und Rudolf Schlichter, Briefe 1935-1955, Klett-Cotta Verlag, Stuttgart, 1997, S. 307f.
  18. Jürgen Danyel: Alternativen nationalen Denkens vor 1933, In: Der "Gegner"-Kreis im Jahre 1992/33, Evangelische Akademie Berlin, 1990, S. 76
  19. ebenda, S.69
  20. Das Projekt Ernst Jünger, In: Forum Wissenschaft, I/95, S. I ff.
  21. Ernst Jünger in Selbstzeugnissen..., S. 12
  22. Ernst Jünger: Die Hütte im Weinberg..., S. 516 f.


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Bruno Wille und die Freidenkerbewegung*

von Erik Lehnert (Friedrichshagen)


Das Freidenkertum entstand im 17. Jahrhundert in England und gelangte im Laufe des 18. Jahrhunderts auf den europäischen Kontinent, v. a. nach Frankreich. Das ursprüngliche Ziel der Bewegung war die Religionsfreiheit. Das "freie Denken" sollte die Evidenz aller Gegenstände aus der Sache ableiten, nicht aus der Autorität. Erst im "eigentümlichen Freiheitsraum des 19. Jahrhunderts" (Friedrich Heer) vollzog sich innerhalb der Freidenkerbewegung ein Wandel: man organisierte sich, versuchte die ursprünglich elitäre Idee zu popularisieren und so politischen Einfluß auszuüben - man wollte das Denken allgemein von religiösen Vorstellungen befreien. Ein Resultat war, daß die Bezeichnung Freidenker, jetzt zu Recht, synonym für Atheisten gebraucht werden konnte. 1881 wurde der Deutsche Freidenker-Bund (DFB) durch Ludwig Büchner gegründet. 1905 bzw. 1908 folgten sozialdemokratische bzw. proletarische Abspaltungen, die sich 1927 vereinigten. Ihren Höhepunkt hatte die Bewegung am Anfang der 30er Jahre. Am Zweiten Weltkrieg zerbrach der Fortschrittsglaube, mit dem Einflußverlust (und der blutigen Unterdrückung) der Kirchen kam der Hauptfeind abhanden und die Naturwissenschaft stieß v. a. in der Atom- und Astrophysik an Grenzen, die einen weltanschaulichen Materialismus unglaubwürdig machen.

Nietzsche, ein ganz anders gearteter "freier Geist" (Im Nachlaß finden sich sogar "Die zehn Gebote des Freigeistes", von denen das zweite lautet: "Du sollst keine Politik treiben."), war bemüht, sich gegen die organisierten Freidenker abzugrenzen: "Sie gehören, kurz und schlimm, unter die Nivellierer, diese fälschlich genannten 'freien Geister' - als beredte und schreibfingrige Sklaven des demokratischen Geschmacks und seiner 'modernen Ideen'; allesamt Menschen ohne Einsamkeit, ohne eigne Einsamkeit, plumpe brave Burschen, welchen weder Mut noch achtbare Sitte abgesprochen werden soll, nur daß sie eben unfrei und zum Lachen oberflächlich sind, vor allem mit ihrem Grundhange, in den Formen der bisherigen alten Gesellschaft ungefähr die Ursache für alles menschliche Elend und Mißraten zu sehn: wobei die Wahrheit glücklich auf dem Kopf zu stehn kommt!" (Jenseits von Gut und Böse II, 44) Nicht die Umstände sondern die Unvollkommenheit des Menschen ist die Ursache. Ein "freier Geist" wie Nietzsche glaubt nicht einmal an die Wahrheit und demzufolge auch nicht an die Wissenschaft, die natürlich ebenfalls metaphysische Voraussetzungen hat. (Zur Genealogie der Moral III, 24)

Wille tritt erstmals im Oktober 1892 öffentlich im Zusammenhang mit dem DFB in Erscheinung. Er schreibt im Correspondenzblatt des Bundes: "was mich bisher vom Freidenker-Bunde zurückhielt, war die Meinung, hier werde das soziale Problem mit seinen bedeutsamen Konsequenzen für unsere Taktik, Moral und Pädagogik ungenügend oder unrichtig betrachtet und angefaßt." (1. Jg.,1892/93, S. 31) Bereits ein Jahr später übernimmt Wille die Redaktion des "Freidenkers" (bekommt dafür eine Aufwandsentschädigung von 300 Mark jährlich) und wird Vorstandsmitglied des DFB. Ab dem 1. März 1916 ist Wille Herausgeber der Zeitschrift und bleibt dies bis zur Einstellung des Erscheinens 1921. Rückblickend schreibt er 1920: "Zu den Geistesbewegungen, die ich mit besonderer Arbeitsamkeit fördere, gehört neben der Freireligiosität das Freidenkertum. Seit Anfang der neunziger Jahre gehöre ich zur Leitung des Deutschen Freidenkerbundes, redigiere dessen Blatt ("Der Freidenker") und habe auf vielen Kongressen des Bundes gewirkt, auch auf internationalen (Rom und München). Die anfangs im deutschen Freidenkertum vorherrschende Richtung des Materialisten Ludwig Büchner habe ich durch meine idealistische Weltanschauung ergänzt, damit das Freidenkertum sich nicht beschränke auf rationalistischen Volksaufkläricht."

Die Geschichte der Zeitschrift soll hier nicht das Thema sein. Obwohl diese sehr interessante Aufschlüsse über die Organisationstrukturen der freigeistigen Bewegungen etc. geben könnte, da der "Freidenker" im Laufe seines Bestehens zahlreiche Wandlungen vollzog, die sich u. a. in Zusammenschlüssen mit anderen Bünden und deren Zeitschriften zeigen. Die Zeitschrift erschien am 1. Juli 1892 erstmals als "Correspondenzblatt des Deutschen Freidenker-Bundes" und wurde mit der Ausgabe vom 1. Juli 1893 umbenannt in "Der Freidenker. Correspondenzblatt und Organ des Deutschen Freidenker-Bundes". Die Erscheinungsweise war bis zum 1. Juli 1894 vierwöchentlich, danach zweiwöchentlich. Die Verlagsorte wechselten oft, je nachdem welcher Ortsverband mit der Herausgabe betraut war. Von Mitte 1895 an war es für kurze Zeit Friedrichshagen (Berlin). In der Juniausgabe 1906, die rückblickend das 25jährige Jubiläum des Freidenkerbundes feiert, wird ein Ansteigen der Auflage der Bundeszeitschrift von 800 (1892) auf 3600 (1906) Exemplare verzeichnet.(14. Jg., 1906, S. 84-86).

In der September-Ausgabe des "Correspondenzblattes" erschien 1892 ein anonymer Beitrag: "Die Scheidung der Geister". (1. Jg., 1892/93, S. 19-22). Darin versucht der Autor den Idealismus vom Materialismus, der seiner Meinung nach einzig richtigen Weltanschauung, zu scheiden: "Hie Materialismus, dort Idealismus: es giebt keine Ueberbrückung." Die materialistische Position wird auf den Einzelnen und die Gesellschaft angwandt. Der bekannte Schluß lautet, daß alles Geschehen "dem Zwang äußerer und innerer Verhältnisse" unterliegt. Jede Handlung eines Menschen sei, durch seine soziale Lage oder weil ihm der freie Wille fehlt, determiniert. Dieser Beitrag löste eine interessante Debatte aus, die dem Verfasser Widersprüche in seiner Argumentation aufzeigte, insbesondere wie man politisch oder kulturell wertsetzend wirken wolle, wenn man keinen freien Willen hat. Wille beteiligt sich an dieser Diskussion und hebt lobend hervor, daß "die materialistische Geschichtsauffassung [...] den gebührenden Einzug" bei den Freidenkern gehalten hat. (1. Jg., 1892/93, S. 31f.). Wille ist der Auffassung, daß der Determinismus keinen Einschränkungen unterworfen ist und begründet das mit der Definition von Freiheit, als Möglichkeit, zu können was man will. Das Wollen ist allerdings motiviert, d. h. von einer oder mehreren auslösenden Ursachen abhängig bzw. determiniert. So artet die Diskussion in Wortklaubereien aus.
Wille stieß in einer Zeit zur Freidenkerbewegung, als diese an Einfluß verlor. Seit 1890 war den Arbeiterparteien die Versammlungsfreiheit wieder gewährt worden, so daß die Arbeiterschaft ihre eigenen Versammlungen besuchte. Der Gegensatz zwischen der Führung der Freidenker, die aus dem liberalen Bürgertum hervorging, und der Masse der Arbeiter trat jetzt deutlich zu Tage. Eine vermutlich von Wille auf dem Kölner Freidenkerkongreß 1894 eingebrachte Resolution sah zwar die Lösung der sozialen Frage als dringendes Problem, stellte die Wahl der Mittel jedoch dem Einzelnen frei. Der Gegensatz zur marxistischen Sozialdemokratie war offensichtlich. Hinzu kam der beginnende Einfluß Nietzsches und der verschiedener Ersatzreligionen, der nach und nach weite Teile der Bevölkerung erfaßte. Erst die Bestseller Haeckels, ermöglicht durch den "'pathologischen Zwischenzustand' einer philosopischen Anarchie" der Jahrhundertwende (Oswald Külpe), und die internationalen Freidenkerkongresse in Rom und Paris (1904/05) brachten einen neuen Aufschwung der Bewegung. Die Macht der Orthodoxie in der Arbeiterbewegung, die das Freidenkertum als bürgerliche Ideologie ablehnte, ging zunächst zurück. Später jedoch folgte die Auseinandersetzung mit dem 1908 in Eisenach gegründeten "Zentralverband Deutscher Freidenker", einer proletarischen Abspaltung. (Vgl. 16. Jg., 1908, S. 153-156). Wille versuchte sich insbesondere des Vorwurfs, der DFB sei unter seiner Federführung zunehmend sozialliberal und damit (in den Augen der Abspaltung) reaktionär geworden, zu erwehren. Anlaß war eine Äußerung von Wille, in der er ein Zusammengehen von Sozialdemokraten und linksliberalen Freisinnigen ("Linker Block" als sozialliberaler Übergang) in der Kulturpolitik gefordert hatte. (16. Jg., 1908, S. 21). Die Person Willes war oft Ziel solcher Art von Vorwürfen. (Vgl. 3. Jg., 1894/95, S. 3-5, 58-62). Wohl auch weil er kategorisch feststellte: "Parteifanatismus ist nicht minder wie religiöser Fanatismus ein Erbfeind des Freidenkertums." (Ebd. S. 58). Das sollte sich im Laufe der Geschichte bewahrheiten.

Was Freidenkertum seiner Meinung nach sei, schreibt Wille in einer Ausgabe der Zeitschrift "ohne Verbindlichkeit für unseren Bund". (15.Jg.,1907, S. 41f). Dem Namen nach (also bloß oberflächlich?) tritt Freidenkertum für "grundsätzlich freies Denken" und "für schrankenlose Entwicklung der höchsten Geisteskräfte in Persönlichkeit und Volksleben ein". Unterdrückung im geistigen Kampf wird abgelehnt, da die Wahrheit durch "ungehemmten Wettbewerb" (natürliche Zuchtwahl) hervortreten soll. Die Wahrheit müßte demzufolge stärker als die Lüge sein. Heißt es noch sehr frei, der Einzelne ist für die Bildung seiner Überzeugungen selbst verantwortlich, werden wenige Zeilen später letztlich dogmatisch "gewisse Weltanschauungen" abgelehnt: "Wer an ein höchstes Wesen glaubt, das als ein persönlicher Herrscher das Weltall regiert und den Menschen absolut gültige Vorschriften gegeben hat, kann kein Freidenker sein, da ihn seine Unterordnung unter die geglaubte Autorität zur Intoleranz verführt." Gemeint ist hier natürlich v.a. das Christentum, das durch eine "natürliche Weltanschauung" ersetzt werden soll. Damit meint Wille in jedem Fall einen Monismus, sei er nun "idealistisch, materialistisch oder mechanistisch". Der Freidenker kann nach Wille ruhig einer "religiösen Stimmung" nachgeben, da dies auch die alten Ägypter, Babylonier etc. getan hätten. Scheinbar fallen deren Ansichten nicht unter "gewisse" sondern unter "natürliche Weltanschauungen". Eine Unterscheidung, die Wille nicht erläutert. Religion sei nicht das "Glauben an übernatürliche Dinge" sondern: "Hingabe an das Höchste, das ein Mensch erlebt, gleichviel welche Begriffe er damit verbindet." Um den Einfluß der Bewegung zu erhöhen, schlägt Wille die Gründung eines Kartells aller mit den Freidenkern gleichgesinnten Geistesrichtungen vor. 1909 kam es dann tatsächlich zur Gründung des "Weimarer Kartells", in dem Monistenbund, "Bund freireligiöser Gemeinden" und DFB zusammenarbeiteten. Der DFB und der Bund bildeteten 1921 den "Volksbund für Geistesfreiheit" mit der monatlich erscheinenden Zeitschrift "Geistesfreiheit" statt des "Freidenkers" als Organ. Im Nachruf dieser Zeitschrift auf Willes Tod heißt es u. a., daß Wille sich "mit der Richtung des Volksbundes für Geistesfreiheit nicht befreunden" konnte. Aber: "In der Geschichte des Freidenkertums nimmt er eine hervorragende Stelle ein." (37. Jg.,1928, S. 147)
Wie oben angedeutet, sieht Wille die Entwicklung der Wahrheit (für ihn gleichbedeutend mit Wissenschaft) in Analogie zur Entwicklung der Wirtschaft. In beiden solle "freies Spiel der Kräfte" herrschen. Der positive Lauf, den die Wirtschaft seit dem Liberalismus genommen habe, zeige die Möglichkeiten, die in der Wissenschaft ruhen. Durch gleiche Bedingungen für alle soll brachliegendes geistiges Potential freigesetzt werden. (17. Jg.,1909, S. 17-19). Der Wirtschaftsliberalismus setzte tatsächlich ungeheure Energien frei, den notwendigen Konkurrenzkampf gewinnen jedoch die Stärkeren wie in der Natur auf Kosten der Schwachen (Monopolbildung). Eine andere interessante Frage schließt sich daran an: Gehören Darwinismus und Sozialismus zusammen? Bebel sagte ja, Haeckel nein. (2. Jg.,1893/94, S. 65-68) Also: Befördert die Selektionstheorie den Sozialismus oder widerspricht sie ihm? Haeckel bezog das darwinistische Prinzip auf den Einzelnen, Bebel auf die Gesellschaftsform. Auf den ersten Blick scheint eher der Liberalismus dem Darwinismus zu entsprechen, in dem sich der Tüchtigste o.ä. durch setzt. Wille führt dagegen an, daß es in der Natur Schutzbündnisse gebe. Ob aber, wie er behauptet, "gerade der Kampf ums Dasein [...] solche Solidarität" auch in der Menschheit herbeiführen wird, ist zweifelhaft, da Wille nur den Zusammenhalt innerhalb einer Klasse meint. Der Sozialismus nach seiner Definition "sucht die Existenz-Bedingungen nicht etwa durch Abtragung ihrer sonnigen Höhen, sondern durch Zuschüttung ihrer grauenvollen Schluchten zu nivellieren." Er ist davon überzeugt, daß sich die unzweckmäßigen Einrichtungen der Gesellschaft zurückbilden und sich die Volkswirtschaft den Bedürfnissen des Volkes anpaßt. Also kommt der Sozialismus zwangsläufig? Wozu braucht man dann den "Umstürzler" Wille? Die Widersprüche sind dem darwinistischen Dogmatismus geschuldet.

Mit seiner Kritik an Haeckels nationalökonomischer Einstellung zeigt Wille nur einen Teil der unterschiedlichen politischen Auffassungen, die im Freidenkertum nebeneinander existierten. Generell kann man für die Beiträge Willes im "Freidenker" sagen, daß er im wesentlichen die Themen seiner Bücher behandelt und teilweise wörtlich daraus zitiert. Weiterhin nahm er zu aktuellen Fragen in der Regel kurz Stellung und redigierte die Zeitschrift mit einem m. E. erstaunlich hohen Maß an Meinungsfreiheit - getreu dem idealistischen Motto: "Das Freidenkertum ist eine Methode, eine Art zu denken, weniger ein bestimmter Inhalt des Denkens; es betont weniger das Was, als das Wie." (3. Jg.,1894/95, S. 5)

* Anmerkung: Der Text stellt einen Auszug aus einem Vortrag dar, den der Autor am 26. März 2001 auf Einladung des Berliner Landesverbandes der Deutschen Freidenker im Rahmen der philosophisch-weltanschaulichen Gespräche zur 120jährigen Geschichte der Freidenker in Deutschland gehalten hat.


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SPUREN

Der Schriftsteller Günter de Bruyn nahm im Nachwort einer Anthologie* eine Sichtung der literarischen Hinterlassenschaften der Friedrichshagener vor und meinte: das "meiste davon ist heute unlesbar", jedoch: "Ein Buch allerdings hat vielleicht Chancen, wiederentdeckt zu werden: 'Die Mittagsgöttin' von Wilhelm Bölsche".

Mit Wilhelm Bölsche im Spreewald

von Albert Burkhardt (Köpenick) In seinem dritten Roman "Die Mittagsgöttin" läßt Wilhelm Bölsche (1861 - 1939) den Leser abwechselnd Berlin und den Spreewald erleben. Das Buch erschien 1891 in drei Bänden und wurde kaum beachtet. Der nächste Anlauf im Jahre 1902 in Form von zwei Bänden mit zusammen 800 Seiten war erfolgreicher, indem das Werk bis in die zwanziger Jahre mehrere Auflagen erlebte. Die Zweitauflage von 1902 versah Bölsche aus zeitlicher Distanz heraus mit einem aufschlußreichen Vorwort. In seiner "Spreewälder Gespenstergeschichte" steckte demnach "viel Persönliches". Und weiter: "Mich ergriff in den Tagen eines Frühlings- und eines Herbstaufenthaltes doppelt (...) der Landschaftszauber des lieben Spreewaldes mit seiner geheimnisvollen Stille, mit seinem romantischen Rest eines Urwaldes und Urvolkes, mit seinen leuchtenden Farben der wasserdurchtränkten Scholle und seinen Naturgespenstern." Er sprach davon, daß er sich lange und ernst mit der "künstlich beschworenen Gespensterwelt" des Spiritismus "herumgeschlagen" und mit einem berüchtigten Medium experimentiert hatte. Nun versuchte er, diese damals grassierenden Zeremonien und Sitzungen als Betrügerei zu entlarven, und fand im Spreewald für das sich dramatisch zuspitzende Geschehen seines Romans die geeeignete Kulisse.

In Berlin lernt Wilhelm, der Protagonist des Romans, den "Spreewaldgrafen" kennen, der ihn in sein Schloß einlädt. Damit verlagert sich die Handlung vom unruhigen Großstadtleben in die ländliche Stille, ein effektvoller Kontrast, und dieser Schauplatz wird mit wenigen Unterbrechungen (in Berlin) bis zum Ende beibehalten.

Bölsche nennt weder Orts- noch Personennamen, weshalb seinen andererseits doch recht detaillierten Schilderungen nachgegangen werden soll. Dabei deuten das Schloß, zweistöckig, das Dach nochmal zwei Stockwerke hoch, auf dem First drei Schornsteine (I 179 - Seitenangaben der 2. Auflage 1902), und die große Kirche mit stumpfen Türmen auf einen ansehnlichen Ort hin (I 178), und demzufolge kann in dem ganzen Gebiet nur das Dorf Straupitz (1300 Einwohner) am Nordostrand des Spreewaldes gemeint sein. Die beiden 40 Meter hohen Türme der 1832 nach Entwürfen Schinkels erbauten Kirche sind weithin zu sehen.

Straupitz mit dem stattlichen Schloß von 1798 (heute Schule) war von 1655 bis 1945 Sitz der Grafen von Houwald, die von hier aus ihre Standesherrschaft mit sieben umliegenden Dörfern verwalteten. Im etwas verwilderten Schloßpark kann man verschlungenen Wegen an Kanal und See folgen, ganz wie es Bölsche geschildert hat (I 225, II 2 ff.), doch hat er eine Orangerie als Schauplatz der Séancen in dichterischer Freiheit hinzugefügt. Hat man diese Spur gefunden, ergibt sich weiteres wie von selbst: Der Grasberg mit der Aussicht (II 247) ist der Straupitzer (auch Neuzaucher) Weinberg an Westrand des Ortes. Das venetianische Dorf, wo jedes Haus auf seiner eigenen Insel steht (I 154, 355), ist der Ort Lehde. Die große Wendenkolonie mit dem Schloßberg (II 234, 247) ist natürlich das ausgedehnte Dorf Burg, und wenn Bölsche von einem weiten, im Sturm aufschäumenden See spricht (II 80), meint er den Byhleguhrer See. So lassen sich seine damaligen Eindrücke von dieser schönen, urwüchsigen Landschaft auch heute nacherleben.

Die lange Fahrt mit dem Kahn von Lübbenau über Lehde direkt bis zum Schloß (I 348 ff.) ist allerdings nicht mehr möglich, weil die Wasserverbindung auf der ,,Straupitzer Kahnfahrt" durch Eindeichung und den 1972 fertiggestellten Kanalbau des Nordumfluters unterbrochen wurde, doch ist damit die Hochwassergefahr gebannt worden.

Bleibt noch festzuhalten, daß Bölsche wahrscheinlich in Berlin einen Angehörigen der Grafenfamilie und durch ihn deren Anwesen kennenlernte und daß er, nach seinen Schilderungen zu urteilen, im Schloß aus- und einging. Um keinen Schatten auf die Familie fallen zu lassen (im Roman nehmen sich hier gleich drei überzeugte Anhänger des Spiritismus, darunter der "Spreewaldgraf" das Leben, als der Schwindel auffliegt), vermied er, wie gesagt, jegliche Namensnennung. Sein Gastgeber könnte damals Graf Ernst von Houwald (1844 - 1903) gewesen sein. Er war Landrat, dazu Erbliches Mitglied des Preußischen Herrenhauses und hatte gewiß anderes als Spiritismus im Sinn. Bölsches Verschleierungstaktik hatte aber Erfolg: weder in Cottbus noch in Lübbenau, weder in Burg noch in Straupitz selbst, dem Schauplatz des frei erfundenen spiritistischen Treibens, ist etwas von dem Roman bekannt, und somit erschien es angebracht, einmal den Spuren der "Mittagsgöttin" (eine serbische Sagengestalt, eigentlich Mittagsfrau) durch den Spreewald zu folgen.



* Friedrichshagen und seine Dichter: Arkadien in Preußen. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Günter de Bruyn, Berlin 1992, S. 257.



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Die englische Reise.

Zur Geschichte der
Gartenstadt-Bewegung (Teil I)

von Regine Auster (Schulzendorf)


Im Juli 1909 unternahm die Deutsche Gartenstadt-Gesellschaft ihre erste soziale Studienreise nach England. "Bei unserer Werbearbeit in Deutschland für die Idee der Gartenstadt und bei dem lebhaften Wunsche, sie auch in Deutschland verwirklicht zu sehen, waren wir stets gezwungen, auf die bestehenden englischen Vorbilder hinzuweisen. Und wenn wir auch nicht überzeugt waren, dass dieser Hinweis auf Unglauben stiess, so konnten wir uns doch nicht des Gefühls erwehren, dass er vielfach toter Buchstabe blieb, dass die Phantasie unserer Hörer und Leser unsere Worte nicht in lebende Gebilde umzusetzen vermochte,die der Wirklichkeit nahekamen und zur Nacheiferung angefacht hätten. Wir gewannen daher mehr und mehr die Ueberzeugung von der Notwendigkeit, die englischen Verkörperungen der Gartenstadtidee direkt vor Augen zu führen. ...Diese Ueberzeugung war der Ausgangspunkt für die Veranstaltung unserer Reise."
Als Bernhard Kampffmeyer (1867-1942), Vorsitzender der Deutschen Gartenstadt-Gesellschaft, die einleitenden Worte für den von Heinrich Vogeler stilvoll illustrierten Band "Aus englischen Gartenstädten - Beobachtungen und Ergebnisse einer sozialen Studienreise" schrieb, waren die seit 1902 propagierten Ideen der "Gartenstadt" in Deutschland bereits auf fruchtbaren Boden gefallen - einen Monat vor der "englischen Reise", am 9. Juni 1909, erfolgte der erste Spatenstich für Hellerau - dem späteren "Kultort" der Gartenstadtbegeisterten.

Die Neue Gemeinschaft

Die Deutsche Gartenstadt-Gesellschaft (DGG) war im September 1902 in Anlehnung an die englische "Garden Cities Association" von Mitgliedern der "Neuen Gemeinschaft" und befreundeten "Friedrichshagenern" gegründet worden. Im sozialistisch-anarchistischen Kommuneprojekt "Neue Gemeinschaft" im Berliner Vorort Schlachtensee hatten sich ehemalige Friedrichshagener wie Julius und Heinrich Hart, die Brüder Kampffmeyer, Gustav Landauer (1870-1919) und andere zusammengefunden.
1898 hatte der englische Gerichts- und Parlamentsstenograph Ebenezer Howard, der durch seine berufliche Tätigkeit immer wieder mit den sozialen Folgen der modernen Stadtentwicklung konfrontiert worden war, das Buch "Garden Cities of To-morrow" veröffentlicht. Er skizzierte ein gesellschaftliches Reformprojekt, dass auf die Schaffung wirtschaftlich autarker und politisch autonomer "Gartenstädte" zielte, neuer Kleinstädte als Alternative zum "Moloch Großstadt", die über eine industrielle Basis verfügen und von landwirtschaftlichen Flächen für die Selbstversorgung umgeben sein sollten. Howard war auf der Suche nach einem Weg zwischen Kapitalismus und Sozialismus, zwischen Stadt und Land - Ideen, die von den "Edel-Sozialisten" der "Neuen Gemeinschaft" begeistert aufgegriffen wurden.
Erster Vorsitzender der deutschen Gartenstadtgesellschaft wurde 1902 der Schriftsteller und Literaturkritiker Heinrich Hart (1855-1906). Zu den ersten Ausschußmitgliedern gehörten die Schriftsteller Wilhelm Bölsche (1861-1939) und Julius Hart (1859-1930), der Maler und Illustrator Fidus (1868-1948), der Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld (1968-1935), Bernhard Kampffmeyer, Adolf Otto und der Arzt und spätere Soziologe Franz Oppenheimer (1864-1943). Heinrich Hart verfaßte die erste Flugschrift der DGG - "Gartenstädte".

Bernhard Kampffmeyer und die DGG

Nach dem Tod von Heinrich Hart im Jahr 1906 übernahm Bernhard Kampffmeyer den Vorsitz der Gartenstadtgesellschaft. Nicht die sozialistisch-anarchistischen Utopien naturalistischer Literaturrebellen wie der Brüder Hart prägten nun im weiteren Verlauf die Entwicklung der DGG, sondern diese mutierte unter dem Einfluß von Bernhard und dessen zwölf Jahre jüngerem Cousin Hans Kampffmeyer, der 1905 in Karlsruhe eine Gartenstadt-Genossenschaft mit begründet hatte, zu einem breiten Sammelbecken, einem Reformbündnis von Volkswirten, Sozialreformern, Architekten, Hygienikern, Kommunalpolitikern, Genossenschaftlern und auch Verlegern. Sie wollten die "Gartenstadt" als Gegenentwurf und Lösung für die vielfältigen Probleme, die das explosive Wachstum der Großstädte Anfang des 20. Jahrhunderts begleiteten, verwirklicht sehen.

Bernhard Kampffmeyer hatte sich von Anfang unermüdlich für den Aufbau der Gesellschaft engagiert und auch mehrere der elf Flugschriften, die bis 1907 erschienen, verfaßt. Unter seinem Vorsitz erreichte die Gesellschaft rasch größere Publizität. 1907 widmete der einflußreiche Kunstjournalist Joseph August Lux (1871-1947) in seiner Zeitschrift "Hohe Warte" eine Ausgabe der "Gartenstadt". Später veröffentlichte diese Zeitschrift eine zweimonatliche "Gartenstadt-Beilage".
Bernhard Kampffmeyer gehörte von Anfang an zum engeren Kreis der "Friedrichshagener". Er und sein drei Jahre älterer Bruder Paul hatten 1890 in der Ahornallee 19 in Friedrichshagen ein haus geerbt, das rasch zum Treffpunkt der Friedrichshagener wurde und in dem Wilhelm und Adele Bölsche zeitweilig zur Untermiete wohnten. Kampffmeyer heiratete 1897 Adele Bölsche. Die 1893 offenkundiggewordene Liebesbeziehung von Bernhard Kampffmeyer und Adele Bölsche - Wilhelm Bölsche hatte die beiden in flagranti ertappt - führte zur fluchtartigen Abreise Wilhelm Bölsches nach Zürich sowie des Paares Kampffmeyer/Bölsche nach Paris und London. Dort hatte Kampffmeyer zahlreiche Kontakte zu anarchistischen Kreisen, entdeckte in diesen Jahren aber auch seine Liebe zur Gärtnerei und zur Lebensreformbewegung. Der zeitweilige persönliche Konflikt zwischen Wilhelm Bölsche und Bernhard Kampffmeyer belastete in späteren Jahren offenkundig die Beziehungen der beiden "Friedrichshagener" aber nicht grundlegend, denn Bölsche als auch Kampffmeyer gehörten dem Gründungsvorstand der Gartenstadt-Gesellschaft 1902 an.

Die Deutsche Gartenstadt-
Gesellschaft 1909

Als 2. Vorsitzender und Geschäftsführer der Gartenstadt-Gesellschaft fungierte 1909, im Jahr der englischen Reise, der Volkswirt Adolf Otto. Den Posten eines "Generalsekretärs" hatte Hans Kampffmeyer inne. Die Geschäftsstelle befand sich in Rehfelde, einem kleinen märkischen Dorf im Osten Berlins in der Nähe von Strausberg, wo Bernhard Kampffmeyer eine Gärtnerei betrieb.

Der erweiterte Vorstand 1909 hatte nur noch wenig mit dem des Gründungsjahres 1902 gemein. Hier wirkten jetzt u. a. der Volkswirt und Sozialreformer Carl Johannes Fuchs (1865-1934) und der Architekt Paul-Schultze Naumburg (1869-1949), die sich auch im Deutschen Bund Heimatschutz engagierten, der Sozialdemokrat und Publizist Paul Kampffmeyer, der Nationalökonom Werner Sombart, der Herausgeber der "Hohen Warte", Joseph August Lux sowie der Herausgeber des "Kunstwart" und Begründer des Dürerbundes, Ferdinand Avenarius (1856-1923), die Architekten Peter Behrens (1868-1940), Richard Riemerschmid (1868-1957) und Hermann Muthesius (1861-1927) sowie der Unternehmer Karl Schmidt (1873-1948). Schmidt, Muthesius und Riemerschmid waren maßgeblich an der Gründung Helleraus beteiligt.
Einer der wenigen, die neben Kampffmeyer und Otto bereits seit 1902 dem Vorstand der Gartenstadt-Gesellschaft angehörten, war Franz Oppenheimer. Der bis 1895 als Armenarzt in Berlin wirkende Mediziner hatte 1896 das Buch "Die Siedlungsgenossenschaft" veröffentlicht. In den folgenden Jahren finanzierte er als Journalist und freier Schriftsteller sein Selbststudium der Geisteswissenschaften. Er publizierte in dieser Zeit zu Eigentums-, sozialpolitischen, genossenschaftlichen, agrarwirtschaftlichen und zionistischen Themen. Oppenheimer war ab 1909 als Privatdozent an der Universität Berlin tätig. Eine öffentliche Anstellung als Dozent konnte der jüdische Intellektuelle und Vertreter eines libertären Sozialismus, der 1919 in Frankfurt am Main die erste ordentliche Soziologie-Professur in Deutschland erhielt, allerdings im Wilhelminischen Deutschland nicht erwarten.
Obwohl die "Basis" der Gartenstadt-Gesellschaft damit ungleich größer war als im Gründungsjahr 1902, waren sich die Initiatoren der Reise nicht sicher, ob sich "wohl 50 Teilnehmer finden würden.... engere Gartenstadtfreunde und stärker sozial orientierte Personen, welche die Kosten der Reise nicht scheuen würden." Die Resonanz war erfreulich überraschend: Bei 200 Teilnehmern mußte die Reiseliste aus organisatorischen Gründen geschlossen werden, es hätten gut 300 werden können.

Auf Studienfahrt

Die Reise begann in Holland, nachmittags, am 6. Juli. Treffpunkt war das Diergaarde-Restaurant in Rotterdam. Über Hook of Holland-Harwich ging es am 7. Juli mit einem Sonderzug nach York und von dort zum ersten Haltepunkt, dem nahegelegenen Gartendorf Earswick. Hier fand der offizielle Empfang der Reise statt. Vertreter der städtischen Behörden begrüßten die Teilnehmer am Bahnhof und Grußtelegramme des englischen Königs, des Premierministers sowie des Erzbischofs von York wurden verlesen. Ob diese politisch doch im gewissen Sinn "hoch angebundene" Begrüßung für eine deutsche Reisegesellschaft auf Kontakte Bernhard Kampffmeyers aus seiner Londoner Zeit oder auf Beziehungen aus dem Kreis der Organisatoren der Reise zurückgeht, ist dem Reisebericht Kampffmeyers nicht zu entnehmen. Auf jeden Fall ist der publizierte Band zur "englischen Reise" der deutschen Gartenstadt-Gesellschaft - dies vorweg genommen - ein Dokument der Völkerverständigung, des gegenseitigen Respekts und der Achtung, und es ist schwer vorstellbar, dass nur fünf Jahre später diese freundschaftlichen Beziehungen zwischen Engländern und Deutschen unter dem Granatenhagel des ersten Weltkrieges vorerst keine Chance auf Fortsetzung fanden.
Zum Empfang in York und Earswick bewirtete die Schokoladenfirma Rowntree die deutsche Reisegesellschaft zunächst in einer festlich geschmückten Halle. Danach schloß sich eine Besichtigung des Gartendorfes Earswick an. Die Siedlung war 1904 durch eine Stiftung des Industriellen Joseph Rowntree gegründet worden, aber nicht als "Fabrikantenkolonie, die nur Arbeitern der Firma offen steht, vielmehr ist Earswick jedem zugänglich", so Bernhard Kampffmeyer in seinem Reisebericht. Von York ging es am 8. Juli nach Manchester, wo sich die Reise-Gesellschaft über eine englische Großeinkaufsgenossenschaft und die "landhausmässige Erschließung eines grösseren Terrains für die Stadterweiterung" informierte. Dann folgten Liverpool und Port Sunlight. Der Besitzer der Sunligth Soap Works, Mr. Lever, hatte "unter Heranziehung erster Architekten eine geradezu wunderbare, in Gärten gebettete Ansiedlung für etwa 3000 Einwohner geschaffen, die als Bauausstellung für Arbeiterhäuser von grossem künstlerischen Wert zu bezeichnen" sei, so Kampffmeyer. Nach Liverpool schlossen sich Birmingham, Harborne und Bournville an, wo weitere Siedlungen und Bauten von Fabrikanten und Wohngenossenschaften besichtigt wurden.

Besuch von Letchwork

Der Höhepunkt der Reise war dann am 13. Juli aber zweifellos der Besuch von Letchwork, der "ersten und eigentlichen englischen Gartenstadt... die direkte Frucht des Howardschen Buches". Letchwork bestand zu dieser Zeit vier Jahre, hatte sechstausend Einwohner und zwanzig industrielle Betriebe. In Letchwork traf die deutsche Reisegesellschaft mit dem Inspirator der Gartenstadtbewegung, Ebenezer Howard, persönlich zusammen.
Den Abschluß der Reise bildeten Besuche in Hamstaed Garden Suburb, einer Gartenvorstadt in der Nähe Londons sowie von Reformwohnprojekten in London und Richmond. Hier kam es auch zu einem Treffen mit dem Präsidenten der englischen Gartenstadtgesellschaft, Sir Justice Ralph Neville und zu einer Diskussion über Gartenstädte, Stadterweiterungen und Gartenvorstädte.
Die Reise endete am 17. Juli in Richmond. Mehr als zweihundert Teilnehmer aus ganz Deutschland hatten daran teilgenommen - Bauräte und Baumeister, Beamte, Juristen, Mediziner, Gärtner, Bankiers, Professoren, Lehrer, aber auch Buchhändler, Kaufleute und Fabrikanten und Rittergutsbesitzer. Dieses weite Spektrum verdeutlicht vielleicht am ehesten, wie weit die Ideen der Gartenstadt inzwischen verbreitet waren. Mit dabei waren auch Bernhard und Hans Kampffmeyer, Adolf Otto sowie der Maler Heinrich Vogeler, der später den zur Reise publizierten Band illustrierte. Prominente Mitglieder des erweiterten Vorstandes fehlten allerdings fast völlig. Zweifellos beflügelte der Erfolg dieser Reise die Mitstreiter der kleinen Geschäftsstelle in Rehfelde, denn für 1910 wurden zwei weitere Studienreisen avisiert.
Bernhard Kampffmeyer faßte seine Reiseeindrücke so zusammen: "Was den Deutsche wohl am meisten überrascht, was gemeinnützige Privatinitiative im Allgemeinen und namentlich auch auf dem Gebiete der Wohnungsfürsorge und des Städtebaus geleistet hat". Der 1910 publizierte Band "Aus englischen Gartenstädten" ist dann auch über weite Strecken eine Reminizenz an den englischen Wohnungsbau und die englische Wohnungsfürsorge. Die Beiträge spiegeln das breite Spektrum der Lebensreformbewegung, die sich in der Gartenstadt-Gesellschaft quasi fokussierte, wieder: die hygienische Situation in den Großstädten, der Kampf gegen Alkoholismus, der Zusammenhang zwischen Gartenstädten und Frauenemanzipation, Wohnungsbau und Genossenschaftsbewegung und andere Fragen mehr werden erörtert. Ein umfangreicher Bildteil stellt die erstrebte neue Stadtbaukultur anhand zahlreicher Fotos und Baupläne der bereisten englischen Gartenstädte und -dörfer vor.



Die Mühen der Ebene - von der
Gartenstadt zur Gartenvorstadt

Wie weit der Weg zur Utopie "Gartenstadt" aber wirklich war, ist exemplarisch dem Beitrag Bernhard Kampffmeyers über das Verhältnis von Gartenstadt, Gartenvorstadt und Gartendorf am Ende des Bandes zu entnehmen. So beklagt er schon 1909, dass das Wort Gartenstadt zu einem großen Sammelbegriff geworden sei, "in den man heute ziemlich unterschiedslos die verschiedensten Siedlungsgebilde hinein wirft - ohne Rücksicht auf soziale Grundlagen und Ziele". Kampffmeyer empört sich vor allem über den Mißbrauch des Begriffs durch Terraingesellschaften, die "aus reinen Gewinnabsichten Villenkolonien begründen, und sich aus Geistesarmut oder weniger edelen Motiven für ihre Zwecke eines Wortes bedienen, das seine Prägung gerade in sozialen Beziehungen gefunden hat" - eine Tatsache, gegen die er zwar protestieren, ansonsten aber wenig ausrichten konnte.
Kampffmeyer entwickelt aus den Erfahrungen der Studienreise einige theoretische Überlegungen zu den Begriffen 'Gartenstadt', 'Gartendorf' und 'Gartenvorstadt'. Als historische Vorläufer der Gartenstadt sieht er Arbeitergartendörfer wie Port Sunligth, Bournville oder Earswick an, unabhängige gemeinnützige Ansiedlungsunternehmungen, die auf Grund einer Stiftung bodenreformerischen Charakter trügen. Das hervorstechende Merkmal dieser Arbeiterdörfer sei der Zusammenhang zur Industrie. Als Gartenvorstädte bezeichnet er dagegen reine Wohnsiedlungen ohne Anlehnung an einen Industriebetrieb, deren Träger gemeinnützige Gesellschaften oder Genossenschaften seien, wie Hampstead bei London und Harborne bei Birmingham. Im Unterschied zum spekulativen Bau von Villenkolonien sieht Kampffmeyer die Gartenvorstädte als "gemeinnützige Ansiedlung für den Kleinhausbau". Die eigentliche Gartenstadt, so Kampffmeyer in Anlehnung an die Ideen Howards weiter, habe die Tendenz zur Dezentralisierung der Industrie und zur Begründung völlig neuer, auf genossenschaftlichem Bodenbesitz beruhender Städte. Der Wertzuwachs des Bodens solle der Allgemeinheit, die ihn schaffe, zu gute kommen. Hierin und in der Planmässigkeit beim Aufbau der neuen Städte sieht er die eigentliche Gartenstadt.
Die vor dem ersten Weltkrieg entwickelte Utopie der Gartenstadt - eine Reaktion auf die katastrophalen sozialen, hygienischen und Umweltprobleme, die das ungeordnete Wachstum der Großstädte am Ende des 19. Jahrhunderts im Zuge der Industrialisierung hervorbrachte - prägte in den 20er Jahren die Stadtentwicklung und den Wohnungsbau nachhaltig - wenn gleich de facto nie in der idealtypischen Form, wie sie von Howard und Kampffmeyer propagiert worden war. Der idealen Gartenstadt am nächsten kam wohl noch die 1913 fertiggestellte Siedlung Hellerau. In größerem Umfang entstanden dagegen in Deutschland "Gartenvorstädte", wobei das Spektrum von genossenschaftlichen Projekten bis hin zu den von Kampffmeyer beklagten, durch rein privatwirtschaftliche Baugesellschaften errichteten Siedlungen reichte.

Literatur

  1. Cepl-Kaufmann, Getrude/ Rolf Kauffeldt; Berlin-Friedrichshagen. Literaturhauptstadt der Jahrhundertwende. Der Friedrichshagener Dichterkreis. München, 1994
  2. Deutsche Gartenstadt-Gesellschaft (Hrsg.), Aus englischen Gartenstädten. Beobachtungen und Ergebnisse einer sozialen Studienreise. Berlin-Rehfeld, 1910
  3. Hartmann, Kristiana, Deutsche Gartenstadtbewegung. Kulturpolitik und Gesellschaftsreform. München, 1976
  4. Hartmann, Kristiana, 'Gartenstadtbewegung', in: Kerbs/Reulecke (Hrsg.), Handbuch der Reformbwegungen. Wuppertal 1998, S. 277-289
  5. Sarfert, Jürgen, Hellerau. Die Gartenstadt und Künstlerkolonie. Dresden, 1995
  6. Homepage Franz Oppenheimer: www.opp.uni-wuppertal.de


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Hans Ostwald organisierte 1929
die Geburtstagsfeier von Julius Hart

Von Lars-Broder Keil (Friedrichshagen)


Am 9. April 1929 ging es hoch her im Kaisersaal des Zoologischen Gartens in Berlin. Julius Hart, anerkannter Literatur- und Theaterkritiker sowie frühes Mitglied des Friedrichshagener Dichterkreises, feierte seinen 70. Geburtstag. Die Liste der Teilnehmer war lang und das Programm ganz auf den Jubilar abgestimmt. Zur Begrüßung waren Minister Severing und Oberbürgermeister Böß erschienen, der Theaterkritiker Julius Bab hielt die Festrede, es wurden Gedichte, Schriften und vertonte Lieder von Julius Hart vorgetragen. Dieser bedankte sich Tage später für den gelungenen Abend - mit einer Dankeskarte.

Einen dürfte das Lob besonders gefreut haben: Hans Ostwald (1873-1940), Schriftstellerkollege und Organisator der Feier. Hans Ostwald? Wer heute in Antiquariaten nach Werken von Ostwald sucht, findet möglicherweise seine orangefarbenen Zille-Bücher oder sein Buch "Der Urberliner in Witz, Humor und Anekdote". Doch Ostwald war mehr als nur ein Witzesammler. Er war engagierter Journalist, Schriftsteller, Sozialforscher und -kritiker und offenbar ein guter Bekannter von Julius Hart, der sich die Mühe machte, für diesen eine öffentliche Geburtstagsfeier zu organisieren. Grund genug, sich die weitgehend unbeachtet gebliebene Bekanntschaft und die Person Ostwald genauer anzusehen.

Hans Ostwald, in Berlin geboren, stammte aus einer Handwerkerfamilie. Sein Onkel war der Chemie-Nobelpreisträger Wilhelm Ostwald und spätere Vorsitzende des Deutschen Monistenbundes. Nach einigen Jahren der Wanderschaft verschlug es den Neffen Hans nach Leipzig, wo er 1896/97 als Redakteur der Leipziger Volkszeitung arbeitete. 1898 kam er wieder nach Berlin zurück und erhielt eine Stelle bei der linksliberalen Zeitung "Welt am Montag". Die Redaktion war von "Friedrichshagener" besetzt, der Anarchist Albert Weidner sowie die Brüder Heinrich und Julius Hart arbeiteten hier. Dazu Felix Holländer, der zwar nie in Friedrichshagen gewohnt hat, aber an allen Aktivitäten beteiligt war. So zählte er zu den eifrigsten Mitarbeitern der Zeitschrift "Freie Bühne" unter Chefredakteur Wilhelm Bölsche. Holländer, später Dramaturg bei Max Reinhardt und Intendant am Großen Schauspielhaus in Berlin, hat Ostwald angeregt, die Wanderjahre literarisch zu verarbeiten. Ergebnis: der Roman "Vagabonden" (1900). Sicherlich hat auch Julius Hart, schon damals bekannt dafür, junge Kollegen intensiv zu fördern, sich um den knapp 15 Jahre jüngeren Ostwald gekümmert. Neben der Zusammenarbeit bei der Zeitung müssen Ostwald und Julius Hart sowie Albert Weidner auch gedanklich auf einer Wellenlänge gelegen haben. Denn Ostwald gehörte 1900 zu den Gründungsmitgliedern der von den Harts initiierten "Neuen Gemeinschaft" und unterschrieb den Gründungsaufruf. An dem lebensreformerischen Siedlungsprojekt am Berliner Schlachtensee waren auch Felix Holländer, Albert Weidner, Gustav Landauer, Erich Mühsam und Bernhard Kampffmeyer beteiligt - allesamt mit Friedrichshagen verbunden. Ostwald zog wohl nicht in die "Neue Gemeinschaft", die mehr geprägt war von religiös-idealistischen Anschauungen der Harts und weniger von den ursprünglich sozialreformerischen Ideen des Friedrichshagener Kreises, zu denen sich Ostwald eher hingezogen fühlte. Das tat der Beziehung aber keinen Abbruch. Er trat bei Vortragsabenden auf, etwa zum Thema: "Wann ich der Neuen Gemeinschaft entsagen würde". Daneben engagierte er sich für die von Weidner herausgegebene anarchistische Zeitung "Der arme Teufel" (1902-04). In der Rubrik "Briefkasten" wird Ostwald in einer nicht terminierten Ausgabe "mit besonderer Genugthuung" als neuer Abonnent begrüßt. Ebenso seine "künftige Mitarbeiterschaft, die Du nur so bald wie möglich antreten magst" (siehe: Cepl-Kaufmann/Kauffeldt "Berlin-Friedrichshagen, Boer Verlag, S. 237)

Ob er die Mitarbeiterschaft antrat, ist unklar. Ostwald war immer ein sehr produktiver Mensch. Er veröffentlichte Romane, Novellen, Dramen sowie kultur- und sittengeschichtliche Bücher, mit denen er bis weit in die 20er Jahre ein großes Publikum hatte. Häufig beschrieb er die unteren sozialen Schichten und gesellschaftlichen Randgruppen der Großstadt - etwa in seiner zehnbändigen Ausgabe "Das Berliner Dirnentum" (1905-07). Ostwald engagierte sich auch bei Siedlungsprojekten für Arbeitslose, unter anderem in Erkner bei Berlin (1911-16). In dieser Zeit gab er die Zeitschrift "Diskussion" heraus, zu der auch Gustav Landauer Artikel beisteuerte.

Seine am stärksten Aufsehen erregende Arbeit war aber die Herausgabe der Reihe "Großstadt-Dokumente". In ihr griff Ostwald die literarischen, journalistischen und soziologischen Impulse der Jahrhundertwende auf und machte sie zum Gegenstand der Stadtforschung. Zwischen 1904 und 1908 erschienen mit großem Erfolg 50 Bände, die jeweils einem Thema gewidmet waren - von Zuhältern, Tanzlokalen, Theatern und Sekten, über Berliner Gerichten, Lehrern und Warenhäusern, bis zu unehelichen Müttern und schweren Jungs. Die gesamte Reihe erschien im Verlag Hermann Seemann Nachfolger, Berlin/Leipzig, ein Publikumsverlag, der auch Werke von Max Stirner und August Strindberg herausgab. Die 40 Autoren der "Großstadt-Dokumente" waren, neben Ostwald selber, ihm bekannte Schriftsteller und Journalisten von der "Welt am Montag" oder der "Berliner Morgenpost". Heute noch bekannt sind lediglich die Arbeiten von Julius Bab "Berliner Boheme" (Band 2) und die des Sexualforschers Magnus Hirschfeld "Berlins drittes Geschlecht" (Band 3). Von den "Friedrichshagenern" steuerte lediglich Albert Weidner etwas bei: "Aus den Tiefen der Berliner Arbeiterbewegung" (Band 9).

Ostwald bewegte sich mit seiner Reihe, der Darstellung der Großstadt mit seinen Schattenseiten, seinen Fabriken und Mietskasernen, von Obdachlosen und Prostituierten in der Tradition der Naturalisten und damit der frühen "Friedrichshagener", zu denen Julius Hart gehört hatte.

Über die Kontakte der beiden zwischen 1905 und 1930 ist kaum etwas zu finden. Auch nicht, warum gerade Ostwald den 70. Geburtstag organisierte. Offenbar zeichneten ihn dafür seine vielfältigen Kontakten in der Kunst- und Medienszene aus. Im Archiv der Berliner Akademie der Künste liegen im Hart-Nachlass einige Briefe und Einladungskarten, ohne die Ostwalds Arbeit wohl unentdeckt geblieben wäre. Die Dokumente zeigen, wie akribisch er die Julius-Hart-Feier vorbereitet hat. Mit Standardbriefen lud er prominente Kollegen ein. Beeindruckend liest sich auch heute noch die Liste derjenigen, die Ostwald laut eigenen Angaben für das Festkomitee gewinnen konnte: zum einen zahlreiche Kunst-, Theater- und Schriftstellerverbände, auch den P.E.N.-Klub; natürlich viele "Friedrichshagener", wie Wilhelm Bölsche, Fidus, die Brüder Bernhard und Paul Kampffmeyer, Albert Weidner und Felix Holländer; aber auch die Brüder Heinrich und Thomas Mann, Lion Feuchtwanger, Gerhart Hauptmann, Else Lasker-Schüler, Käte Kollwitz, den Architekten Bruno Taut und den Verleger Eugen Diederichs.

Im Archiv liegen auch Briefe von Eingeladenen, die wegen dringender Reisen oder der plötzlichen Grippe-Erkrankung der 80-jährigen Mutter nicht teilnehmen konnten und das sehr bedauerten.

Ostwald hatte die Einladungsschreiben auch genutzt, um die Werbetrommel für den Julius-Hart-Fonds zu rühren, der bei der Schillerstiftung in Weimar verwaltet werden sollte. "Aus diesem Fonds soll Julius Hart eine laufende Rente bekommen, die sich nach seinem Tode auf andere alte und würdige Schriftsteller forterben soll", schrieb Ostwald in einem Brief am 6. April 1929. 2200 Mark hatte er drei Tage vor der Jubiläumsfeier zusammen.

Lange hatte Hart seine Freude nicht damit. Er starb bereits Ende 1930. Wiederum fand eine Feier - diesmal eine Gedenkfeier - statt. Festredner am 19. November 1930 in der Volksbühne war erneut Julius Bab. Und wieder hatte Hans Ostwald die Zusammenkunft organisiert.



Quellen:

Ralf Dose von der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft hat im Rahmen seiner Forschung über den Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld das Wirken Hans Ostwalds untersucht. Derzeit beschäftigt sich intensiv die Forschungsgruppe Metropolenforschung vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung mit Ostwald und seinen Großstadt-Dokumenten.

Siehe weiter auch die Beiträge zum Thema GROSSSTADT-DOKUMENTE in Hinter der Weltstadt, Nr. 9, S. 29, 32.




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Hedwig Lachmann
Julie Wolfthorn

von Sabine Krusen (Berlin)


Hedwig Lachmann-Landauer
(1865 -1918):
Dichterin, Übersetzerin

Hedwig Lachmann ist Lesern der Friedrichshagener Hefte spätestens seit der Nr. 23* von 1999 keine Unbekannte. In diesen "Ausgewählten Briefen aus den Jahren 1891 bis 1902" aus der Feder Gustav Landauers wurden durch den Herausgeber Christoph Knüppel einige Briefe an Hedwig Lachmann publiziert, die am Beginn der großen, lebenslangen Liebe dieser beiden großartigen Menschen standen.

Hedwig Lachmann hatte mit 15 Jahren ihr Sprachlehrerinnen-Diplom für Französisch und Englisch abgelegt und sich seitdem selbständig durch die Welt geschlagen - als Gouvernante, Sprachlehrerin, Übersetzerin, darunter in England und Ungarn, wonach sie auch Übersetzerin und Nachdichterin der wichtigsten ungarischen Dichter wurde (Petöfi, Arany, Vörösmarty, Ady u. a.).

Zwischen 1989 und dem Ersten Weltkrieg lebte Hedwig Lachmann im Raum Berlin. Neben ihrer Erwerbsarbeit hatte sie früh eigene Gedichte verfaßt und veröffentlicht - insgesamt etwa 80. Nach Hedwig Lachmanns frühem Tod gelang es Gustav Landauer in der kurzen Zeit bis zu seiner Ermordung noch, ein Bändchen mit den gesammelten Gedichten seiner Frau herauszugeben.

Seitdem wurden die Werke Hedwig Lachmanns kaum noch verlegt bzw. nicht als ihre Nachdichtungen kenntlich gemacht. Bereits zu ihren Lebzeiten war ihre Übersetzungsarbeit gelegentlich unterschlagen (und sie um die Honorare geprellt) worden, z.B. bei Übersetzungen von Romanen Honore des Balzacs, politischen Schriften Friedrichs des Großen und Briefen Napoleon Bonapartes. Daß das Libretto zu Richard Strauß´ "Salome" von Hedwig Lachmann stammt, wußte damals und weiß heute kaum jemand. Der Meister hatte diese Textfassung mehreren anderen vorgezogen und sehr gelobt. Mit Übertragungen aus der Lyrik Rosettis, Swinburnes, Shakespeares, Shelleys, von Oscar Wilde, Edgar Allan Poe, Paul Verlaine und Rabindranath Tagore gehört Hedwig Lachmann zu den ersten und wichtigsten Vermittlerinnen fremdsprachiger Dichtung in Deutschland, insbesondere des englischen und französischen Symbolismus.

Hedwig Lachmann Arbeiten tauchen selten genug in Anthologien auf, in einschlägigen Lexika ihr Name nicht minder. Vor einigen Jahren gab Armin Strohmeyr im Eigenverlag nach Jahrzehnten erstmalig einen Sammelband mit eigenen Gedichten Hedwig Lachmanns, Nachdichtungen und kurzer Publizistik heraus, der anscheinend schon wieder vergriffen ist.

Interessant für Friedrichshagen-Fans ist die Lektüre von "Berlin-Friedrichhagen. Literaturhauptstadt um die Jahrhundertwende. Der Friedrichshagener Dichterkreis" von Gertrude Cepl-Kaufmann und Rolf Kauffeld, 1994 bei BOER erschienen, mit etlichen Erwähnungen Hedwig Lachmanns.

Und es gibt eine wunderbare, ausführliche Biografie über Hedwig Lachmann (ebenfalls im Eigenverlag, in exquisiter Aufmachung) von Annegret Walz unter dem Titel "Ich will ja gar nicht auf der logischen Höhe meiner Zeit stehen" (ISBN 3-929589-00-1). Dieses Zitat übrigens stammt aus einem Brief an Richard Dehmel, der sich zwischen seinen Ehen mit Paula Oppenheimer und Ida Auerbach, geb. Coblenz - wie seinem und ihrem Werk zu entnehmen - nach Hedwig Lachmann verzehrt hatte.





Julie Wolfthorn (1864 - 1944): Malerin



Julie Wolff war dreißig Jahre lang eine enge Freundin Hedwig Lachmann. Auch zu Gustav Landauer und den Töchtern des Paares hatte sie enge Beziehungen, ebenso zu Paula Oppenheimer-Dehmel, deren Bruder Franz Oppenheimer, Auguste Hauschner, Fritz Mauthner, Richard Dehmel, Ida Auerbach-Dehmel. Auch Julie Wolff, die ihren lebenslangen Künstlernamen nach ihrer Geburtsstadt wählte, werden Kontakte zu den verschiedenen Künstlerkreisen, z. B. der "Neuen Gemeinschaft" nachgesagt.

Selbst in den neueren biografischen Arbeiten über Hedwig Lachmann oder in dem sehr verdienstvollen "Künstlerinnenlexikon. Käthe, Paula und der ganze Rest. Ein Nachschlagewerk", herausgegeben 1992 zum 125. Jahrestag des "Vereins der Berliner Künstlerinnen e.V." waren noch vor kurzem die Daten über die Malerin Wolfthorn sehr spärlich. Seit etwa zwei Jahren sind namentlich in Berlin mehrere Personen parallel zueinander und - zum Glück - zumeist gemeinsam auf neue Informationen über diese Künstlerin gestoßen und vor allem auf etliche ihrer Werke, die weitestgehend als verschollen galten.

Julie Wolfthorn soll ihre künstlerische Ausbildung ab dem 22. Lebensjahr vorwiegend in Berlin und Paris absolviert haben. Bereits vor 1900 galt sie in Deutschland als eine der namhaftesten Porträt-Künstlerinnen. Bis heute erhalten sind beispielsweise ihre wunderbaren Darstellungen Hedwig Lachmanns, Gustav Landauers, Ida Dehmels und Tilla Durieux´. Seit 1900 war Julie Wolfthorn als eine von nur vier Frauen Mitglied der Berliner Sezession gewesen, gehörte zum schon erwähnten Verein der Berliner Künstlerinnen (sogar als Vorstandsfrau), zum Frauenkunstverband und dem Deutschen Lyceum Club. Bis ins hohe Alter bestritt sie einen Teil ihres Lebensunterhaltes mit einem Schülerinnen-Atelier und der Ausbildung künstlerischen Nachwuchses.

Mit der Machtübernahme der Nazis erhielt Julie Wolfthorn als Jüdin Berufs-, Ausbildungs- und Ausstellungsverbot, wurde ihrer Erwerbsmöglichkeiten beraubt, mußte ihre Wohnung untervermieten. Wenigstens im Rahmen des Jüdischen Kulturbundes war sie noch einige Jahre erfolgreich tätig. 1942 wurde sie mit ihrer Schwester (die beiden waren inzwischen 78 bzw. 82 Jahre alt) nach Theresienstadt deportiert. Auch dort malte Julie Wolfthorn noch, möglicherweise sogar Auftragsarbeiten, die von den Wachmannschaften nicht ungern für die Familien bestellt wurden. Sie starb in Theresienstadt kurz vor ihrem 80. Geburtstag am 29. Dezember 1944.

Nach der Befreiung des Ghettos müssen ihre dort entstandenen Arbeiten von anderen mitgenommen oder vernichtet worden sein, unter den heute erhaltenen Kunstsammlungen am Ort findet sich jedenfalls nichts mehr. Viele ihrer früheren Werke, die noch nach der Deportation in den Atelier- und Kellerräumen ihrer Berliner Wohnung gelagert hatten, waren Monate später plötzlich "verschwunden" und sind es größtenteils bis heute. Vieles kennen wir nur von alten Fotografien oder Veröffentlichungen, einige Bilder sind noch in den letzten Jahren in Privathand gelangt und nun für lange Zeit oder für immer der Öffentlichkeit verborgen.

Wir bitten alle, die diese Zeilen lesen, uns auf Werke von oder Informationen über Julie Wolfthorn aufmerksam zu machen. Nach einzelnen kurzen Artikeln über die Künstlerin soll eine ausführlichere Publikation ermöglicht werden. Und der Traum einer kleinen Werkausstellung soll in absehbarer Zeit Wirklichkeit werden, damit die Malerei der Julie Wolfthorn endlich wieder so bekannt wird in der Öffentlichkeit wie heute höchstens das Werk ihrer früheren Kollegin Käthe Kollwitz.

Der "Jüdische Wandkalender 2000/2001. Eine Harmonie in Grün. Jüdische Künstler der zwanziger und dreißiger Jahre" aus dem Berliner Lichtig Verlag enthält einige Reproduktionen von Arbeiten Julie Wolfthorns sowie einen kurzen Lebensabriß aus der Feder Beate Spitzmüllers, von der auch ein Kapitel in einem Sammelband des aviva Verlags stammt, der in Kürze erscheint.

Der gemeinnützige Frauenverein "Brunnhilde" in Berlin-Mitte (Rheinsberger Str. 61) hat im Rahmen von Ausstellungen zu Berliner Frauen-Biografien auch Ausstellungstafeln über Julie Wolfthorn und Hedwig Lachmann erstellt.

Alle Teile der biografischen Ausstellungen können beim Verein "Brunnhilde" entliehen, ein kleiner Textkatalog erworben werden. (Tel. 030 - 449 32 27)



*) Friedrichshagener Hefte, Hrsg. von K. Brandel, Inge u. Rolf Kießhauer, [Friedrichshagen] Heft 1ff. (Gesamtverzeichnis der Reihe: sehen Sie auch unsere Umschlagseite hinten/innen)






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BRIEFE/KRITIK

Uns erreichte ein Brief von Prof. Dr. Rüdiger Bernhardt (Halle), den wir - aus Platzgründen - gekürzt widergeben. Wir danken für die Aufmerksamkeit. Unser Autor Konrad Lehnert (Berlin) antwortet anschließend.(Red.)



R. Bernhardt: "[...] Wie immer war es mir eine Freude. das Heft anzuschauen und darin zu blättern. Die Titelseite mit den verführerischen Angeboten reizt. Manches erfüllt diesen Reiz auch.

Wenn ich dennoch einschränkende Anmerkungen machen möchte, so sind sie die Folge des Eindrucks. daß durch gut gemeinte Zusammenstellungen Vereinfachungen entstehen. die der Sache letztlich nicht dienlich sind. Den Eindruck hatte ich von mehreren Beiträgen, zumal sie oft nur Kompilationen von Zitaten sind. Vor allem aber verselbständigen sich solche Vereinfachungen schnell und bekommen ein Eigenschicksal: [...]

Ähnlich vereinfachend meinen die Verfasser Fritz und Keil Mackay aufzuwerten, wenn sie ihn an die Seite Gerhart Hauptmanns rücken und einen "engen Kontakt" bemerken. Die Ausgangslage war nicht so: Als Hauptmann "Vor Sonnenaufgang" 1889 an Mackay sandte, war er ein noch unbekannter Autor, der Mackay 1888 in Zürich kennengelernt hatte. Mackay aber war bekannt. Es war kein Austausch von "Stoffen", sondern Hauptmann sandte an 80 Personen, an alle. mit denen er bisher in Berührung gekommen war, sein Stück, unter der Nr. 49 stand Mackay auf der Liste. Zudem verschenkte er noch eine große Zahl persönlich. Mackay sandte Hauptmann als Entsprechung die 2. Auflage von "Sturm", auf die Hauptmann mit keinem Wort einging. Distanzierter konnte die Anrede des Berühmten an den Neuling nicht sein als die Mackays an Hauptmann ("Sehr geehrter Herr!" ohne die bei einiger Bekanntschaft übliche Namensnennung), größer der Abstand nicht, wie er ausgewiesen wurde ("daß ich ihr Werk mit außergewöhnlichem Interesse lesen werde" und nicht etwa, wie es üblich unter Gleichrangigen wäre: nachdem ich es gelesen habe). Selbst als man später nebeneinander in Schreiberhau wohnte, waren die Begegnungen sporadisch und belanglos. Es bestand kein "enger Kontakt" und keineswegs tauschte man Stoffe aus: man war höflich distanziert zueinander.

Noch weniger vermag ich dem Lyrikverständnis Konrad Lehnerts zu folgen. Ich möchte nicht die zahlreichen, teils sehr guten Gedichte der Naturalisten empfehlen, die der Verfasser vermißt, von den Anthologien des Jahres 1884 bis zu den "Modernen Dichtercharakteren", von den frühen Sammlungen Holz' bis zu Maurice von Stern und Henckell. (Ein Blick in die immer noch aufschlußreiche Literaturgeschichte der DDR. Band 8.2 kann hilfreich sein.) Ich möchte auch nicht die folgenreichen naturalistischen Gestaltungsmittel in Rhythmik und Bildwahl erwähnen. Ein Hinweis auf den Umgang mit dem Schienenschlag, den Steinklopfern, der Schaukel, dem Wellenschlag usw. in der Lyrik bei Julius Hart, Liliencron, Henckell, Conradi, Hille und Dehmel, sie seien stellvertretend genannt, mit berühmten Gedichten mag reichen. - Es wurde selbst vom Ausland festgestellt, daß der deutsche Naturalismus im Gegensatz zum französischen (Prosa) und dem skandinavischen (Dramatik) zuerst mit Theorie und Lyrik aufwartete. Daß der naturalistischen Lyrik das große Bild fehle, ist ein Irrtum: Conradis menschlich-poetischer Meteor, Holz' roter Messias u. v. a. sind große Bilder. (Was die Unterscheidung zwischen Bild und Metapher soll, bleibt mir zudem ein Rätsel.)

Ganz und gar nicht anzunehmen vermag ich aber die Theorie von den zwei Gedichttraditionen um die Jahrhundertwende. Ein solches polarisierendes Raster ist verhängnisvoll, unterschlägt es doch die politische Dichtung des 19. Jahrhunderts, verdrängt Heinrich Heine und viele andere, gibt Mörike, der Droste, Keller, Storm und Meyer keine Chance und nimmt zudem die europäische Lyrik von Mallarmé über Poe bis Baudelaire nicht wahr, die aber ein Teil der Naturalisten gut kannte.

Daß Willes Gedicht nicht gut ist, hängt nicht am fehlenden Bild und nicht an den Gedichttraditionen, sondern einfach am lyrischen Talent Willes. Das war bei Georg Weerth, der zum Vergleich herangezogen wird um vieles größer: seine großen Bilder (in den Lancashire-Gedichten) waren schlicht wie seine Gegenstände und blieben dennoch berühmt.

Völlig unverständlich bleibt mir, wieso Lyrik nie populär gewesen sein soll. Auch hier wird die Verallgemeinerung zum Irrtum. Manche Lyrik ist nicht populär geworden und wollte es auch nie sein. Andere ist populär und wird es bleiben, die durch das Volkslied vemittelte, Gedichte wie Goethes "Heidenröslein", Gedichte Eichendorffs, Storms, Rilkes, Kästners, Brechts, Bechers und vieler anderer. Die Popularität zwischen diesen Polen ist vielfältig. Man denke etwa an die unfreiwillige Komik der Lyrik der Friederike Kemper oder die gewollte der Lene Voigt; beide sind geradezu Muster an Berühmtheit. Man gehe nur einmal die Werbung durch, besonders zur Weihnachtszeit, und sammle, wie die Werbung Versatzstücke der Lyrik nutzt, um ihre Käufer zu gewinnen. Da spätestens bekommt man mindestens eine Ahnung von Popularität.

Ich habe mir diese Anmerkungen erlaubt, weil ich meine, eine Ansammlung solcher Vereinfachungen und Fehler schadet dem guten Eindruck der Mitteilungen. Solchen Schaden abzuwenden war mein Anliegen.

Mit freundlichem Gruß"



Konrad Lehnert (Berlin): Zur Kritik an der Kritik an Bruno Willes Gedicht "Arme Leute".

"Ich bin froh über Resonanz. Bevor ich auf einige Punkte des Briefes von Herrn Bernhardt eingehe, möchte ich eines klarstellen: Geschmack und Meinungen, in diesem Fall auf Lyrik bezogen, sind verschieden. Wenn man diese Tatsache akzeptiert, geht vielleicht der Spaß am Streiten verloren. Aber wenn diese Subjektivität ignoriert werden würde, wäre eine Debatte über Lyrikverständnis sinnlos.

Somit kann ich zum ersten Punkt sagen: Die von Herrn Bernhardt dem Naturalismus zugeordneten Lyriker geben mir nichts. Kurz: Sie langweilen mich. Ich halte sie für mäßige bis schlechte Poeten. (Ich habe Lyrikanthologien durchgeschaut, um mir eine Meinung über das Schaffen dieser Leute bilden zu können.) Liliencron ist eine Ausnahme. Dehmel vielleicht auch, mit großen Einschränkungen. Diese beiden werden in verschiedener Sekundärliteratur nicht klar dem Naturalismus zugeordnet. Der Großteil ihrer Gedichte wird als Impressionismus und Jugendstil bezeichnet. Was auch immer das bedeuten mag. (Bei solchen Fragen gibt leider jedes "literaturwissenschaftliche" Buch eine eigene Antwort.)

Ich teile Herrn Bernhardts Meinung, daß die Naturalisten neue Stilelemente (vor allem formale) und Experimentierfreudigkeit in die Lyrik brachten. Für meinen Geschmack macht das ihre Gedicht nicht besser. (Ich meine damit die deutschen Naturalisten.)

Ob Conradis menschlich - poetischer Meteor und Holz' roter Messias große Bilder sind, darüber läßt sich streiten bzw. es entscheidet der Geschmack. Ich bevorzuge die einfachen, nicht theoretischen Bilder. Benns Aster zwischen den Zähnen des ertrunkenen Bierfahrers zum Beispiel.

Zwischen Bild und Metapher zu unterscheiden, kann, denke ich, durchaus richtig sein. Die Metapher ist etwas anderes als ein Bild. Sie ist eine Übertragung. Nach Definition: Die übertragene Bedeutung eines Wortes, das nicht im eigentlichen Sinne gebraucht wird. Es wird dabei oft die bildliche Bedeutung eines Wortes benutzt. Es wäre sicher angemessen gewesen, wenn ich in meinem Text weitere Stilmittel der Veranschaulichung (Symbol und Chiffre) dargestellt hätte. Doch muß eines bedacht werden: der Text ist eine Kritik an einem Gedicht. Eine Meinung. Etwas Einfaches. Es sollte keine "Literaturwissenschaft" betrieben werden. Ich bevorzuge die Literaturkritik, da ich denke, daß es eine wirklich wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Literatur nicht geben kann. Wozu auch?

Herr Bernhardt schreibt weiter, daß es falsch sei anzunehmen, es hätte um die Jahrhundertwende nur zwei Gedichttraditionen gegeben. Ich schrieb in meinem Text: Es gab nur "zwei große, anerkannte Gedichttraditionen in Deutschland". Damit meinte ich das Formale der Lyrik. Französische Gedichte von Baudelaire und Mallarmé und amerikanische von Poe wurden zu dieser Zeit vermutlich erstmals übersetzt und waren außerdem zu jung, um eine Tradition zu bilden. (Zur Erinnerung: Willes Gedicht wurde 1891 veröffentlicht.) Heine, Mörike, Droste - Hülshoff, Keller, Storm, Meyer u.a. sind wichtige Lyriker. Doch der formale Unterschied zu Goethe und zur Romantik erscheint mir eher gering. Außerdem: Ein Gedicht ist nicht gleich schlecht, weil es traditionell verfaßt worden ist.

Nun komme ich zu einem Punkt des Briefes, der mir logisch völlig unklar bleibt. Herr Bernhardt schreibt: "Daß Willes Gedicht nicht gut ist, hängt nicht am fehlenden Bild und nicht an den Gedichttraditionen, sondern einfach am lyrischen Talent Willes." Aber was hätte ich in meiner Kritik schreiben sollen? Willes Gedicht ist nicht gut, weil Wille wenig lyrisches Talent besaß? Empört hätte der Leser Beweise gefordert. Denn, ob Willes Gedicht gut oder schlecht ist, kann man nur an formalen (vielleicht auch inhaltlichen) Kriterien feststellen. Diese Kriterien habe ich versucht darzustellen. Erst dann kann man die These wagen: Wille hatte ein geringes lyrisches Talent.

Zur Frage, ob Lyrik jemals populär war: Nein, nein, nein. Nie wirklich. Einschränkung: Ausnahmen bestätigen die Regel (Rilkes "Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke"). Unter Lyrik verstehe ich Kunst, etwas Ernsthaftes, keine Unterhaltung. Die "lyrics" der Popmusik sind populär. (Bret Easton Ellis schrieb, daß Pop die Poesie abgelöst habe. Lyrik ist auf dem Rückzug. Trotzdem bleibt ein Unterschied zwischen Unterhaltung und Kunst.) Früher waren es die Volkslieder. Das heißt: Es ist massenkompatibel. In anderen Zeiten nannte man das volkstümlich. Ich bezweifle, daß ich ohne Schwierigkeiten einen Menschen auf der Straße treffe, der mir ein Gedicht von August Stramm oder Durs Grünbein aufsagen kann. Die meisten Leute kennen noch nicht einmal diese Namen. Vermutlich traf man auch um 1900 wenige Leute auf den Straßen, die Bruno Willes oder Liliencrons Gedichte kannten... Doch diese Erklärung kann man sich sparen. Es reicht Gottfried Benn zu zitieren (Brief an Paul Zech): "Kunst (Lyrik, Anm. d. Verf.) ist eine Sache von 50 Leuten, davon noch 30 nicht normal sind."



Anmerkung: Meine Meinung habe ich größtenteils aus Büchern gezogen. Darum: Eine kleine Auswahl benutzter Sekundärliteratur.

Karlheinz Deschner: Kitsch, Konvention und Kunst. Eine literarische Streitschrift. München, 1957.

dtv - Atlas zur deutschen Literatur. München, 1990.

Karl Heinemann: Deutsche Dichtung. Leipzig, 1927.

Herbert Lehnert: Geschichte der deutschen Literatur vom Jugendstil bis zum Expressionismus. Stuttgart, 1996.

Johannes Pfeiffer: Umgang mit Dichtung. Leipzig, 1947."



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